Das medienkompetente Kind

Und was denkt eine Mutter zu dem Thema?
Siehe mama mia dazu: Teil 2 von unserem "kontrabloggen"


Wir sind frisch zurück aus dem Urlaub - eine Woche Bauernhof, ohne Medien. Gefolgt von sechs Stunden Fahrt mit zwei Kindern. Ganz ehrlich: ohne digitale Medien hätten wir das nicht ohne Nervenzusammenbruch geschafft. Sind Medien also immer böse und schädlich, oder doch nicht so ganz? Ich möchte meinen: diese Frage ist veraltet. Sie muss heute ganz anders gestellt werden.

Macht Fernsehen Kinder dumm? Oder nur die dummen?

Es gibt verschiedene Studie zu den Auswirkungen von Fernsehen auf Kinder. Im Wesentlichen kann die "Kiste" ein toller Lernkanal sein. In den meisten Fällen dient sie aber nur der Unterhaltung, und vor allem die hyperkinetischen Cartoons (damit meinem wir dich, Sponge Bob. Nicht so sehr Bernd das Brot) haben nachgewiesenermaßen negative Auswirkungen auf die Konzentrationsleistung. Zudem ist die Menge des TV-Konsums von Bedeutung. Eine Beschränkung auf ein bis zwei Stunden empfiehlt die US-Kinderärztevereinigung. Trotz dieser Warnungen: mit ein paar schlauen Richtlinien lässt sich die hohe Anziehungskraft des Fernsehens als positives Werkzeug bei der Bildung der Kinder nutzen (etwa Gespräche über das Gesehene, die Einbindung von Büchern zum gleichen Thema...)

Motivation und Ablenkung

Jeder von uns weiß, dass Fernsehen machmal aus wei anderen Gründen wichtig ist für Eltern. Einmal als Belohnung ("Zieh dich schnell um, dann haben wir noch Zeit für das Sandmännchen") bzw. Sanktion ("Wenn Du noch einmal deine Schwester haust, gibts heute keine Minute mehr Fernsehen"), zum anderen als Ablenkung, wenn Mama oder Papa unerwartet ein paar Minuten Ruhe braucht (ein wichtiger Anruf, eine volle Windel beim Geschwisterchen...). Also noch ein Pluspunkt für das liebste Hobby des postmodernen Menschen.

Medien zum Putzen und solche zum Zurücklehnen

Mit dem Computer, spätestens aber mit dem Vorkommen interaktiver Interfaces in allen technischen Geräten und nicht zuletzt mit der Verbreitung von Smartphones erhält die Mediennutzung von Kindern eine ganz neue Dimension. Medienforscher sprechen vom Unterschied zwischen "lean back" und "lean forward"-Medien, also solchen wo man sich inaktiv zurücklehnt und solchen, die Interaktion erfodern. (also klassischerweise dem Fernseher und dem Internet). Im Falle von Kindern sollte die Unterscheidung eher lauten: muss ich das Mediengerät nach der Benutzung putzen, weil es klebt, oder nicht? 

Das ist wichtiger als man zuerst meint. Mit dem Element der Interaktivität hält eine völlig neue Palette von Möglichkeiten Einzug. Kinder können viel gezielter Üben und Lernen, gleichzeitig ist aber auch die geistige Anforderung höher ("Der Nexus macht mich noch ganz verrückt" meinte mein Fünfjähriger auf der oben erwähnten Autofahrt, und legte das Gerät nach einer Stunde weg.) Die Effekte auf die kognitiven Funktionen sind weitgehend unerforscht. Kann sein, dass sie vorwiegend positiv sind, kann sein, dass es Probleme gibt. 

Was aber unbestritten sein dürfte: die Medien werden ein Leben lang mit unseren Kindern sein. Je nach Beruf dürften sie alle Bereiche des Lebens in erheblichem Maße bestimmen. Es schadet also nichts, sie schon früh zu erleben und damit umzugehen (die faszinierende Fähigkeit des kindlichen Gehirns zum Lernen sollte nicht ungenutzt bleiben, wenn es um eine der Kernkompetenzen des modernen Lebens geht.) Nur: wie sollen wir wissen, worauf wir achten müssen, oder wo wir einschreiten sollten. Ist "Talking Tom" ein harmloses kleines Smartphone-Spiel, oder wertloser Digitaltrash mit Abofallen-Charakter? Ist das Mathe-Bingo eine wertvolle Lernhilfe? Wir wissen es nicht. Das ganze Feld ist zu neu, um definitive Aussagen treffen zu können. Wir müssen uns durchmogeln und hoffen, dass unser gesunder Menschenverstand die schlimmsten Auswüchse verhindert.
Und das bedeutet: wir Eltern müssen uns einmischen, müssen nicht nur auswählen was unsere Kinder nutzen dürfen, sondern auch sorgsam prüfen, wie es aufgenommen wird. Das dürfte ein Prozess sein, der vom zweiten bis ins sechzehnte Lebensjahr geht (und was für ein Spaß wird das, wenn ich über die Pornosammlung meines Sohnes stolpere.) Medienkontrolle ist die neue Hausaufgabenbegleitung.

Unter all den Aspekten, die es da zu berücksichtigen gibt, ist die Frage nach der Zeit, die mein Kind vor dem Bildschirm verbringt, nur einer von vielen Aspekten - und fast schon ein unbedeutender. Ein Kind, dass genug andere Angebote hat, kommt gar nicht dazu, viel zu viel zu glotzen.
  
Hoffe ich. Aber fragt mich nochmal, wenn die Kindersicherung an unserem Fernseher gehackt wurde.

Fotos von yanni und von kateboydell

Ein Nachtrag: heute (18.10.) haben wir von Papaego noch einen Beitrag zu diesem Thema bekommen, der auf http://papaego.wordpress.com/2012/10/18/vatergedanken-kinder-und-medien/ steht.

Kommentare

  1. Habe gerade deinen Artikel entdeckt, und den deiner Frau dazu! Hat mir gut gefallen und gibt einen interessanten Einblick in eure Gedanken zu dem Thema.

    Meine Tochter ist zwei. Wir haben keinen Fernseher, aber sie darf immer wieder iPad spielen und TroTro schauen.

    Die Schwierigkeit, gute Apps zu finden, kenne ich auch - und habe deshalb ein App-Verzeichnis aufgebaut, wo Kinder-Apps von Pädagogen getestet und bewertet werden. Würde mich sehr freuen, wenn du es dir anschaust: www.lookmommy.com

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    1. Das sieht wie eine gute App aus!
      Ich sollte vielleicht darauf hinweisen, dass Mama Mia weder verwandt, verschwägert noch verbandelt ist mit mir :) Nicht, dass da Gerüchte entstehen...

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