Nur Mut: Freiheit oder Verwahrlosung von Kindern

Und im Heli sitzen Papa und Mama.
In den USA ist eine Alleinerziehende verhaftet worden, ihre neunjährige Tochter dem Jugendamt übergeben. Der Grund: die berufstätige Mutter hat ihrem Kind ein Handy in die Hand gedrückt und es den Tag über in den Park geschickt. Am dritten Tag in Folge wurde es von besorgten Mitmenschen angesprochen und die Mühlen des Gesetzes kamen in Gang. Was wir ein extremes (und extrem dummes) Beispiel klingt, ist ein Zeichen einer Entwicklung, die auch hierzulande passiert. Kinder dürfen nicht mehr frei sein. Aber auch: Kinder werden beschützt. Zwei Seiten einer Medaille, die gerade uns Eltern zur Verzweiflung treiben kann.

Das Paradox ist verwirrend: die Welt ist sicherer geworden (siehe: Unfallstatistik, Vorsorgeuntersuchungen, Produktsicherheit). Gerade für Kinder. Gleichzeitig dürften die Eltern vor 30, 40 Jahren (also unsere Eltern) wesentlich weniger Angst gehabt haben, dass ihren Kindern etwas zustößt (die Atombombe mal abgesehen).

Papa passt auf.
Die Masse an Angstnachrichten, die auf uns einwirkt, dürfte ein Grund dafür sein. Menschen sind auch nur schlaue Tiere; wenn wir jeden Tag das Gefühl einer Bedrohung haben, sehen wir irgendwann überall eine Gefahr (zum Beispiel in der Impfung - eigentlich ein Segen, der unserer armen Elternseele Ruhe geben sollte). Statt dessen gibt es eine Bewegung, die entgegen aller wissenschaftlichen Erkenntnis Angst um ihre Kinder hat, wenn sie geimpft werden sollen.

Diese allumfassende Sorge um die Kinder scheint in alle Bereiche des Lebens durchzusickern. Es gibt Helmpflicht, Fahrradverbot für den Schulweg, finstere Blicke für Eltern, die ihre Kinder alleine im Auto lassen. Hand aufs Herz: bei wem zuckt der Mauszeiger nicht in Richtung Kommentarfeld um anzumerken: "Aber die Kinder können da an Hitzeschlag sterben. Tu das nie!" QED: Keiner von uns ist frei von der zwanghaften Überfürsorge.

Gleichzeitig wissen wir, dass der Raum zum Wachsen für jedes Kind ein bisschen größer sein muss als wir glauben. Nur wenn die Racker ihre eigenen Fehler machen dürfen, haben sie die Chance daraus zu lernen. Das darf nicht erst mit 18 anfangen (oder 25, oder wann immer wir sie aus unseren Klauen entlassen). Aber wie können wir das zulassen, wenn wir nicht nur unsere eigenen Ängste überwinden müssen, sondern auch noch einen gesellschaftlichen Zwang, unsere Schutzbefohlenen auch mit 14 noch zu hätscheln wie ein rohes Ei?

Ich erinnere mich noch an den Tag, wo ich mich zum ersten Mal getraut habe, meinem Kleinkind unterwegs zum ersten Mal den Rücken zuzudrehen und es aus den Augen zu lassen. Das war nicht einfach. Aber auch ein Augenblick des Stolzes: an diesem Tag hatte ich die Angst ein Stück weit überwunden. Und beschlossen: das ist etwas, das ich deutlich und regelmäßig immer wieder machen muss. Wenn Papa nicht cool bleibt, wie sollen die Kinder jemals ihre eigene Coolness finden?

Zwei Jahre später war Feuerwehr-Sommerfest, die 20-Meter Leiter wurde für (angeleinte und gesicherte) Kinder zum Besteigen freigegen. Mein Vierjähriger hat's bis zur Spitze geschafft - einer der wenigen, die sich getraut haben. Offenbar funktioniert das Bekenntnis zum Mut als Vorbild.

Ich glaube: dieser Mut, Dinge auszuprobieren, ist mehr Wert als ein 24-Stunden-Programm der Förderung und Behütung. Jeder Vater und jede Mutter sollte sich das überlegen und

a) danach leben
b) andere danach leben lassen und
c) sich daran erinnern, wie sie als Kinder gelebt haben. Freier als heute, gefährlicher auch. Irgendwie haben wir auch das überlebt, oder?

Vielleicht treffen sich unsere Kinder dann ja eines Tages im Park. Ganz ohne uns.



"Cromwell Heli". Licensed under Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 via Wikimedia Commons.
Kletterbild von demandaj

Kommentare

  1. ein wichtiger Artikel - der Radius von Kindern wird immer geringer. Heute reicht er bei 8-jährigen im Schnitt nur noch bis zum Gartenzaun - wenn man denn einen hat - das sollte zu Denken geben....

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