Kindertermine: Wer holt die Kinder ab?

Kinder haben heute viele Termine. Deutlich mehr als früher, scheint mir. Fast täglich wartet nach Schule oder Kindergarten ein Sport, ein Musikunterricht, Tanzen oder ein Play Date. Manche Erwachsene erinnern sich an ihre eigene Kindheit und finden das doof - dazu später mehr. Mich beschäftigt eine andere Frage: wer bringt und holt die Kinder zu ihren Kinderterminen? Nach zehn Jahren und gefühlten Ewigkeiten an der Seitenauslinie, auf der Empore oder im Vorzimmer glaube ich, dass sich das ändert.
Ballett oder Fußball? 
Es ist nicht schwer zu erraten, wer den Löwenanteil der Chauffeursarbeit stemmt. Mütter bringen ihre Kleinen am häufigsten zu Kinderterminen. Auf dem Spielplatz bin ich meistens der einzige Papa, im Balletttraining ist es ähnlich, beim Musikunterricht habe ich überhaupt noch keinen Vater gesehen. Großeltern sind wahrscheinlich die zweitplatzierten für die meisten Events. Glücklich die Mütter, die nah bei Eltern oder Schwiegereltern wohnt und von ihnen entlastet wird.

Papa holt die Kinder ab

Die Häufigkeit von Vätern in den Umkleiden und VHS-Lounges des Landes nimmt aber zu, oder zumindest habe ich in den letzten zehn Jahren diesen Eindruck bekommen. Es gibt mittlerweile Bereiche, wo meine werten Geschlechtsgenossen inzwischen die Mehrheit des Kinder-UPS bestreiten. Sport natürlich - vor allem bei ihren Söhnen.

Kindertermine und die Begeisterung

Das ist weniger banal als man denken mag. Das Klischee vom schlechten Papa, der vor lauter Karriere die Baseball-Spiele seines Sohns verpasst, ist immer noch in den Köpfen verankert. Aber es scheint ein echtes Umdenken zu passieren: ich glaube, Väter identifizieren sich immer stärker mit ihren Kindern - und nachdem viele Väter sich dem Sport eher zugezogen fühlen als der Kunst oder Musik, entwickeln sie die meiste Begeisterung für die sportlichen Aktivitäten ihrer Kinder. Da auch hier die Jungs oft das größere Intereresse haben, bekommen sie tendenziell mehr von Papas Zeit. Inzwischen sitzt regelmäßig ein halbes Dutzend Väter eine Viertelstunde vor Trainingsende auf dem Fußballplatz oder in der Sporthalle und schaut ihren Sprößlingen beim Kicken zu.

Ein Trend?

Wenn jetzt manche der geneigten Leser mit den Augen rollen und sagen "No shit, Sherlock", dann haben sie nur teilweise Recht. Klaro sieht man Papa am ehesten noch beim Fußball, und beim Blockflötenunterricht drückt er sich wie bisher auch. Aber ich wage die Aussage, dass sich auch da etwas tut. Schleichende Trends (und ich bin überzeugt, dass das Hineinwachsen der Väter in eine aktivere Rolle ein solcher ist) erkennt man zuerst da, wo sie am stärksten sind. Also beim Fußball. Der Rest kommt auch noch.

Warum überhaupt so viele Kindertermine?

Ich mag mich falsch erinnern, aber ich war nach der Schule erst mal daheim und bin dann um die Häuser gezogen. Überraschenderweise habe ich noch alle Finger, bin nicht überfahren worden oder entführt. Diese Art der Nachmittagsgestaltung wird immer seltener: wenn ich meinen Zehnjährigen auf die Straße schubste (unter Protest, wie ich vermute), dann wäre er da ziemlich alleine. Alle Kinder haben Terminstress.

Darüber höre ich viele Leute jammern. Es gehe den Kindern etwas verloren. Und die Eltern reißen sich drei Beine aus, was ein unnötiger Streß ist. Außerdem können nur besser gestellte Familien ihren Kindern diese Sonderförderung bieten (Kunst und Sport sind recht eindeutig günstig für die schulische Leistung und die geistige Entwicklung). Vollzeit arbeitende Mütter und Väter haben einfach die Zeit nicht - vor allem wenn die Großeltern nicht vor Ort wohnen. Das trifft natürlich besonders stark auf Familien zu, die erst vor wenigen Jahrzehnten nach Deutschland gekommen sind.

Unterm Strich aber meine ich, dass diese Neue Kindheit nicht verkehrt ist. Was an Eigenständigkeit vielleicht verloren geht, gewinnen wir an familiärer Einbindung, an Bildung und an einer größeren Breite an Eindücken - die zwei Quadratkilometer, die ich als Zehnjähriger unsicher gemacht habe, bieten nicht wirklich große Abwechslung.

Ein weiterer Aspekt kommt noch dazu, der nicht direkt die Kinder betrifft: die gestiegenen Anforderungen an die Zeit der Eltern machen es für Väter einfacher und notwendiger, sich mehr zu engagieren. Dieses Engagement ist schwer zu generieren - Generationen frustrierter Mütter können ein Lied davon singen - und soziale Verhaltensnormen sind verdammt hartnäckig. Wenn die vielen Kindertermine ein Katalysator auf dem Weg zu größerer Beteiligung der Väter sind (oder, etwas provokant formuliert: wenn die Mütter gar nicht mehr alles alleine stemmen und nicht anders können, als die Väter ihre eigene Kiste machen zu lassen), dann ist das eine gute Sache für alle Beteiligten.

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