Schweinefleisch oder Integration. Schwierige Wörter, nicht nur für unsere Kinder.

Integration ist schwierig. Wie sollen Menschen vernünftig zusammenleben, wenn sie sich schon nicht über das Essen einigen können. Ich glaube Köche in Indien (zur Erinnerung: Moslems, Hindus, Juden, Buddhisten, Sikh, alle haben ihre eigenen Ernährungsgebote) werden irgendwann alle Gaga.
Allerdings: um aus diesem schwierigen Thema eine echte Farce zu machen, braucht es deutsche Korrektheit. Das, und völlige Unerfahrenheit im Umgang mit solchen Sachen. Ich bin wieder mal erstaunt darüber, wofür unsere Krippenleiterinnen (engagierte, hart arbeitende Frauen allesamt) alles keine Standardprozeduren haben.
Weswegen sie improvisieren müssen.
Weswegen es zu einer gleichen, geheimen und allgemeinen Wahl über Schweinefleisch kommt.
Bei einem muslimischen Elternpaar und 22 deutschen, christlichen.
Jeder kriegt also einen Zettel. „Ja, es soll weiter 4-5 Mal monatlich Schweinefleisch zum Mittagessen geben“ kann man ankreuzen, oder „Nein, soll es nicht“ und als Bonus „Das Weißwurstfrühstück kann weiter stattfinden“ – einmal im Jahr übrigens.
So gründlich, so absurd. So wirklich passiert.
Ganz klar, warum die Leitung diese Abstimmung angeregt hat: sie wollten nicht diejenigen sein, die den muslimischen Eltern sagen, dass sie sich ihren Wunsch an den Hut stecken können (der übrigens mit folgender Begründung vorgebracht worden war: das Kind fühlt sich ausgegrenzt, wenn es weiter wie bisher eine Sonderbehandlung beim Essen kriegt). Also darf die Gesamtheit der Eltern diese Entscheidung fällen – wobei von vornherein klar ist wie es ausgeht, unter anderem auch weil die muslimischen Eltern ihr Anliegen nicht persönlich vortragen durften oder wollten. Es gab nur die Anweisung „Sie dürfen jetzt abstimmen, ob...“ Zack, Bumm. So stelle ich mir die Wahl im Ostblock oder bei Orwell vor.
Fazit: ein ungelenker Eiertanz, dass keinem was bringt und allen unangenehm ist. Weil keiner nachgedacht hat, was der eigentliche Punkt ist: Nicht das Fleisch, nicht die Sonderbehandlung, nicht die Religion (Gott bewahre). Sondern das Anderssein, oder vielmehr, das gar-nicht-so-anders-sein. Um es mit Monty Phython zu sagen: Wir sind alle völlig verschieden.

das berühmte Zitat ist übrigens bei 4:55

Wie lange, bis das erste vegane Kind in der Krippe aufschlägt? Oder eines mit weitreichenden Lebensmittelallergien? Ein Hindu, ein Buddhist, ein strenggläubiger Katholik? Irgendwann werden auch die deutschen Krippen (bisher ein Hort wohlhabender Mittelklassekinder, also blond, blauäugig, christlich-liberal) nicht mehr so homogen sein. Was dann? Jedes Mal aufs neue eine gleiche geheime Wahl? Oder treiben wir die Köche in den Wahnsinn?
Ich fürchte die Aufgabe liegt bei den Erzieherinnen. Sie müssen einen Weg finden, die Unterschiede zu was ganz Normalem zu machen, und die Situation dazu zu nutzen, unseren Kindern zu vermitteln, dass es eben so ist mit den Menschen. Alle unterschiedlich, alle mit Sonderwünschen. Alle insofern ganz gleich.

Die Abstimmung ging übrigens 17 (Schwein!) zu 5 (Nein!) zu 1 (Enthaltung) aus. Auch ich habe gegen das Schweinefleisch gestimmt, einerseits um die demokratische Ohrfeige für die Antragsteller ein wenig abzumindern, andererseits weil ich der Meinung bin, dass allgemein zu viel Fleisch angeboten wird. Ein bisschen weniger tuts auch. Aber im Endeffekt werde ich mir diesen Sonderwunsch wohl für Zuhause aufheben müssen. Wie alle anderen auch. Eines Tages aber, so hoffe ich, wird unsere Krippe einen Weg gefunden haben, mit Essensgeboten und allen anderen Themen des Unterschieds vernünftig umzugehen.

Kommentare

  1. Am einfachsten wäre es wahrscheinlich - vorausgesetzt, die Krippe ist groß genug - zusätzlich ein vegetarisches Gericht o.ä. anzubieten.

    (Meine Schwester arbeitet in einem Hort und hat erwähnt, dass ein muslimisches Kind trotz Verbot von den Eltern (das Angebot ist reichhaltig genug) heimlich Dinge wie Kinderwurst isst, "den ndas ist so lecker". Wie sollen Erzieher sich denn dann verhalten?)

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  2. Woa, das ist fies. Aber ich vermute eh, dass sich die Erzieherinnen auch bei uns nur in Maßen als Hüter einer Regel aufspielen, die ihnen nicht am Herzen liegt.

    Andersherum gedacht: das Essensgebot muss ja irgendwann internatlisiert werden, und dazu gehört auch, es selber ausgetestet zu haben.

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