Wer fasst mein Kind an?

Es gibt Sachen, die kriegt man als Mann nicht beigebracht - jedenfalls nicht so gut wie als Frau, vermute ich. "Nein" sagen gehört dazu. Eigentlich komisch, denn knabengeifernde Böse Onkels gibts mindestens genau so viele wie Grabscher, die sich an Miniröcken vergreifen wollen (behaupte ich jetzt einfach mal. Hab mir nie die Mühe gemacht sie nachzuzählen).

Ich selber hatte es selten nötig. Wahrscheinlich bin ich nicht hübsch genug. Jetzt aber, seit mein Brainbug mit blonden Locken und großen Augen irgendwie aus der hässlichen-Entlein-Phase raus ist, zweifle ich immer öfter: muss ich für ihn eintreten und anderen Leuten sagen, sie sollen die Finger von ihm lassen?

Es geht dabei um absolut harmlose Leute (die nicht so harmlosen lasse ich natürlich nicht an uns ran): an Omis. Irgendwie ist die Welt auf einmal voll davon. In jeder S-Bahn, an jeder Supermarktkasse, in der Fußgängerzone, im Park: Omis werden von meinem Kind angezogen wie Tauben von fütternden Omis. Sie sprechen uns an (sprechen eigentlich ihn an, und dann der Form halber mich), machen ihm Kompliente, streicheln ihn. Auf einer zehnminütigen Fahrt in die Stadt hat eine selbsternannte "Oma Inge" ("ich habe eigentlich gar keine Kinder") das zeimlich weit getrieben - so weit, dass ich fast schon gemerkt habe wie Brainbug auf seinem Sitz immer weiter weg von der Seniorin rutschte. Sie war aus unserem Dorf, die Chancen war gut, dass sie tatsächlich eine gute Bekannte der Familie ist (ich bin als spät Zugezogener nicht so im Bilde was das angeht), und ich wollte nicht unhöflich sein.
Aber vielleicht hätte ich sagen sollen: "Nehmen Sie bitte die Finger von meinem Kind".

Ich weiß es wirklich nicht. Die Grenze ist sicher fließend - wo wäre es übertrieben schroff, jemanden zurückzuweisen, wo muss dagegen ich das Selbstbestimmungsrecht meines Sohnes aktiv vertreten? "Oma Inge" war vermutlich zu weit gegangen - aber ehrlich gesagt hatte ich auch Mitleid mit ihr. Genetisch vorgegeben scheint der Drang zu sein, sich im Alter um Kinder zu kümmen, sie süß zu finden, ihnen Gutes zu wollen. Einsamkeit ist eh schlimm bei Senioren, und wenn ihr das Treffen mit meinem Brainbug hilft, das besser zu verkraften, dann ist es vielleicht ein Dienst am Nächsten, den man eben ab und zu leisten muss - auch wenn ich persönlich hoffe, dass wir sie nicht wie von ihr erhofft "an der Supermarktkasse treffen". Die Frau ist instande und kauft meinem Kind Süßigkeiten, gleich da und dort. Da hörts dann schon auf, finde ich.

Eigentlich komisch. Brinabug fände das sicher super. Und gerade da stellt sich Papa auf einmal quer. Wie soll man das verstehen?

Wenigstens grübeln wir dann gemeinsam, mein Sohn und ich.

Kommentare

  1. Ich denke, niemand sollte das Recht haben, ein Kind unabhängig von Alter einfach so anzufassen. Denn ein Kind hat auch ein eigenes ich, selbst wenn es nicht in der Lage ist, sich so zu äußern wie ein Erwachsener, muss man ein Kind um die Erlaubnis fragen!

    Ich weiß noch nicht, ob ich meine Klappe halten werde, wenn meine noch immaginären Kinder, auf der Welt sind. Gerade in Zeiten, wo man an jeder Ecke von Misshandlung und Missbrauch spricht.

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  2. Naja, ich weiß nicht. Anfassen ist eine normale soziale Interaktion, wenn sie auch deutlichen Regeln unterliegt.
    Gerde weil das Thema Missbrauch so hysterisch durch die Medien geht, möchte ich mich aber zurückhalten, wenn es darum geht anderen Menschen Böses zu unterstellen. Ich habe keine Lust, unkritisch Angst zu haben, nur weil alle Angst haben.

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  3. Man sollte bei diesem Thema ein Fingerspitzengefühl entwickeln als Eltern. Keine Angst, aber gesundes Mißtrauen ....

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