Das schönste Kind der Welt

Bevor ich Vater wurde, war mir schon klar, dass jeder das eigene Kind für das schönste der Welt hält. Vor allem Mütter. Dass sie nicht alle Recht haben können liegt auf der Hand, und darum schien es logisch anzunehmen, dass man ab dem Tag, an dem man Eltern wird, eine Störung der ästhetischen Empfindung hat. Man ist blind dafür, dass der eigene Schrat ein ziemlich verwachsener, unfertiger Mensch mit Popeln im Gesicht ist. Das hat sicher evolutionäre Gründe (wer sein Kind schön findet und es liebt passt besser darauf auf, und verschafft damit seinen eigenen Genen einen Vorteil). Es führt dazu, dass man sich von jungen Eltern auch noch das x-te Foto von Hannah oder Leon ansehen darf, als verpixeltes Handyfoto oder abgegriffene Einlage in der Geldbörse.

Mir ging es dann aber auch nicht anders. Ich habe allen ernstes überlegt, ob mein Sohn für eine Modellkarriere geeignet wäre (Kindermodels werden für den Quelle-Katalog immer gesucht). Als wir dann zum dritten Mal von Fremden und Spielkameraden entsetzt gefragt wurden, was "der denn da hat" und ob das eine Verletzung wäre oder eine Krankheit, kamen mir erste Zweifel. Die dünne Haut und die prominenten Adern an den Schläfen meines Süßen lassen ihn tatsächlich aussehen wie ein Alien aus SciFi-Filmen der 50er-Jahre. Dazu kommt noch ein großer, eckiger Kopf mit (selbst nach über 20 Monaten) nur spärlichem Haarwuchs. Sicherlich hochintelligent, aber kein Fall für den Mister Universe. Zum Glück müssen Männer ja nicht schön sein (auch wenn Die Welt was anderes meint).
Ich bin dazu übergegangen, die Mutter meines kleinen Brainbug ein wenig einzubremsen, vorsichtig einzulenken, wenn Sie von der Schönheit ihres Sohnes schwärmt. Für einen anstehenden Besuch beim Fotografen (wir haben einen Gutschein für ein Kinderportrait geschenkt bekommen, den wir seit Monaten nicht eingeöst haben) habe ich arglos vorgeschlagen, die auffälligen blauen Adern mit Puder zu überdecken.
Das ist nicht gut angekommen. Ich fürchte mein Sohn wird mit einem etwas eigenwilligen Look durchs Leben gehen, bis er alt genug ist sich die Haare lang wachsen zu lassen.

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