"Kann ich die Butter?" reicht.

Ein Fragment. Hier fehlt wirklich was.
Ich muss aufpassen: für ein paar Tage bin ich fast zum alten Mann geworden, zum echten Erwachsenen. Ich wollte über die unnütze Jugend schimpfen und über ihren Sprachgebrauch. Zum Glück habe ich mich ertappt, gelächelt und nach dem drölften Anlauf nicht auf meines Sohnes Frage "Kann ich die Butter?" gewitzelt "Was - stampfen, wegbingen, dich reinsetzen?". Andere tun sich damit schwer. Ich fühle mich verjüngt. Aber irgendwie schmutzig. Arme Verben, einfach so aus der Frage verbannt. Aber die Wahrheit ist: sie sind hier überflüssig. Ich war nur zu verkalkt, das einzusehen.

Sprache ist mir sehr wichtig, ich arbeite damit, schreibe und dichte auch als Autor und aus Leidenschaft. Deswegen habe ich mich über das fehlende Verb lustig gemacht, dass Freunde meines Sohnes aus dem Rheinland mitbrachten. Ihr bayerischer Vater fand das ebenfalls als falsche Sprache. Neuerdings greift der Trend aber auch weitab des Rheins um sich - die gesamte Grundschule scheint es so zu halten (Lehrer eingeschlossen? Wer weiß. Habe sie nie zum Frühstück da.) Der erste Impuls war deswegen: korrigieren, abgewöhnen. Unsere Kleinen sollen gefälligst gutes Deutsch sprechen.

Das ist im Nachhinein putzig, nicht? Ganz abgesehen davon, dass regionale Eigenheiten der Sprache offiziell korrekt sind (der Duden etwa adelt, dass man in Bayern "gesessen ist", nicht "gesessen hat"), muss ich mir vermutlich wie jede Elterngeneration vor mir abschminken, dass meine Kinder so reden wie ich es gerne hätte.
Das ist eine Ellipse. Und daran ist nichts verkehrt.
Immerhin zeigt es ja, dass mein schlauer Spross die Sprache pragmatisch und selbstbestimmt benutzt. Das Verb ist in den meisten Alltagssituationen ja wirklich überflüssig. Wichtig ist die Aufforderung und das Subjekt (das Objekt ist natürlich immer Mama oder Papa), der Satz funktioniert auch als Ellipse. Lehrbücher gehören nicht an den Essenstisch, und deswegen ist "Kann ich die Butter?" schon OK.

Halt, nein, Korrektur. Hier fehlt etwas. Und darauf werde ich beharren, selbst wenn ich mich damit als frühvergreister Spießer oute. Das nächste Mal sage ich: "Sohn, das heißt Kann ich mal die Butter bitte."

Höflichkeit muss sein.

Update, 24.1.14: Der anerkannte Sprachfreund Michael Lohmann hat das Thema auf seinem empfehlenswerten Blog deutschmeisterei.de ebenfalls aufgegriffen (ich hatte mich mit einer Frage diesbezüglich an ihn gewendet) und auch er fordert das höfliche "Bitte". Er vermutet hinter dem fehlenden Verb schlicht und ergreifend Faulheit. Nun, wir sprechen immerhin von Kindern, nicht?

Bilder: Wikimedia von Superikonoskop und IkamusumeFan

Kommentare

  1. "Kann ich mal die Butter bitte" Sehr cool
    Ich kann das sehr gut nachvollziehen. Als Linguistin und Mutter ist man doch hin und wieder sehr zwiegespalten. Aber Kinder lernen (laut Wissenschaft) nicht durch Verbesserung und Zurechtweisung sondern durch Nachahmung. Wird sich also alles geben und deswegen ist "Kann ich mal die Butter" völlig O.K. Aber bitte mit "Bitte". So viel Zeit muß sein!!
    Viele Grüße
    Suse

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