Kleine Jungs auf der Jagd

Es ist sechs Uhr morgens. Mein Kind ist wach.
Unserer ist nur auf der Jagd nach Pokemons.
Warum ist mein Kind wach? Es ist Schultag. Seit drei Jahren ist mein Kind an Schultagen nicht aus dem Bett zu bringen.
Langsam erhebe ich mich und sehe nach. Es dauert, bis ich meine Augen offen und einen Morgenmantel angelegt habe.
Es ist kurz nach sechs Uhr. Mein Kind ist weg. Die Terassentür steht offen. Außerdem weg: Mamas Handy.



Er ist also auf der Jagd. Offenbar hat sich der junge Mann zu Herzen genommen, dass die Pokemon-Server um diese Tageszeit (wenn die Welt noch schläft) nicht so überlastet sind wie am vorangegangenen Nachmittag.
Freudestrahlend kommt er später mit seiner Beute an den Frühstückstisch: ein Taubsi und ein Karpador. Immerhin: er ist rechtzeitig wach für die Schule, und gut aufgelegt noch dazu. Sogar als Mama ihm das Handy wieder abnimmt.

Wo er gewesen ist, fragen wir ihn? Die Gegend ist trotz Berufsverkehr harmlos. Selbst smobifiziert kann ihm nicht viel passieren. "Nicht weit", seine entspannte Antwort. "Wie haben die das gemacht, dass ein Foto von unserem Brunnen ein Pokestop ist?" Wir nutzen die Gelegenheit zu etwas digitaler Aufklärung. Die kleine Schwester schmollt und will auch ein iPad. Oder Handy.

Klingt wie der Albtraum der Bildschirm-Phobiker. Unsere Familien zerbrechen menschlich, weil alle nur auf die Handys starren. Selbst Kleinkinder. Aber dem ist nicht so - Pokemon und iPad sind bei uns gemeinsame Aktivitäten (wenn es nicht gerade früh morgens ist). Mama jagt mit dem Sohn, ich diskutiere mit der Kleinen ihr Lieblingsvideo.

Ich bin sogar froh, dass der junge Mann mit seinen Acht Jahren ausbüchst. Ich war in dem Alter gefühlt tagelang fort, habe die Gegend erkundigt. Ich hoffe, dass dieser Ausflug bei ihm der Anfang einer ähnlichen Entwicklung ist. Alleine und selbstständig die (sichere) Welt erkunden.
Dann darf er uns auch seine digitale Strecke auf den Esstisch werfen.



Kommentare

  1. Find ich cool. Was waren wir damals unterwegs...den ganzen Tag, von früh bis spät, kamen nur zum essen nach Hause. Wir haben unseren Eltern nur selten den genauen Standort mitgeteilt. "Bei Nils" oder "im Wald" oder "ne Bude bauen, hinterm Bolzplatz" hat vollkommen gereicht. Einerseits schade, dass es heute ein Game bedarf, dass die kleinen streunern. Aber hey, hauptsache sie tun es überhaupt, was?

    Kleine Kritik: Das Foto passt einfach so gar nicht...

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