Boys don't cry


Ich muss mir langsam Sorgen machen, dass ich meinen Sohnemann für alle Zeiten traumatisiert habe. Mit 2 1/4 Jahren sollte er eigentlich noch keine bleibenden Erinnerungen formen (genaueres dazu hab ich vor einem halben Jahr mal geschrieben, siehe "Warum wir vor dem Alter von 3 Jahren nichts mehr wissen"). Und doch: jedesmal, wenn wir auf den Wechsel der Jahreszeiten zu sprechen kamen ("Jetzt ist Herbst. Dann kommt Winter...") reagierte er mit der gleichen Wiedergabe eines klitzekleinen Missgeschickes aus dem letzten Januar.
Jaa-haa, ich hätte besser aufpassen können. Wir waren mit dem Schlitten zur KiTa unterwegs, sind über einen Schneehügel, und dabei ist der Schlitten umgekippt, mein Schatz ist runtergefallen und mit dem Gesicht in einem gefrorenen Hundehaufen gelandet. Er hat geheult wie am Spieß und wollte wochenlang nichts mehr von dieser Art der Fortbewegung wissen.

Inzwischen nimmt er das ganz gelassen. "Kommt Winter? Hatte weint!" erinnert er sich, und fügt meistens hinzu "Nicht mehr hoppala. Nicht mehr weinet", woraufhin ich ihm immer zustimme.

Trotzdem: hat die Wintersportindustrie auf immer einen Kunden verloren? Oder ist ein bisschen weinen nicht so schlimm? Zumindest bei Erwachsenen ist die Wissenschaft sich nicht so sicher, ob es nicht auch negative Effekte hat. Macht es einen Unterschied, welches Verhalten er bei seinen Eltern sieht? Ich weine nicht, Mama weint öfters mal, und vor allem in Situationen, die unser Kind vermutlich als belastend empfindet (als ob eine weinende Mutter an und für sich nicht schon schlimm genug wäre). Bringen wir ihm hier bei, das Weinen was weibisches ist, was mit unangenehmen Gefühlen seinerseits verbunden ist? Nicht so toll. Seine zukünftigen Partnerinnen werden damit ihre Probleme bekommen.

Aber was kann man machen? Gegen verschiedene Sachen ist man als Vater oder Mutter hilflos, und vermutlich kann man sich nur damit abfinden und versuchen das beste draus zu machen. Wie etwa sich vor Augen zu führen, dass schon das Weinen von Neugeborenen ihre Muttersprache verrät (übrigens eine Erkenntnis, die dank deutscher und französischer Babys an der Uni Würzburg gewonnen wurde). Vielleicht zeigt das, dass Weinen ein teil der Sprache ist, und damit ein Teil des Lebens, den man genauso umarmen muss wie jeden anderen. Auch im Interesse des Wintersports (neustes Update: Sohnemann freut sich über jede Schneeflocke und drängt jeden Tag darauf, Schlittenfahren zu gehen. Aber Vorsicht vor Hundehaufen.)

Und zum Schluss, weil bestimmt jeder zweite Leser nur darauf gewartet hat: das The Cure-Video. Oder doch lieber "Cry" von Godley & Cream. Gibts beides, ist beides sehr schön.


Crying is the refuge of plain women, but the ruin of pretty ones.
Oscar Wilde (der alte Misogynist...)(1854 - 1900), Lady Windemere's Fan

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