Donner: wenn die Götter streiten

Gestern ist eine Gewitterfront mit Hagel, Sturm, Blitz und Donner über Deutschland hinweggegangen. Es war sehr beeindruckend. Mich hat sie auf offenem Feld überrascht, ich musste mich hinter einer Haselnusshecke verstecken, weil die kleinen Eisgeschosse doch ganz schon gebrannt haben, wenn sie meinen Regenumhang trafen (ja, daran hatte ich gedacht. Ich glaub ich werd erwachsen.)
Leider war ich nicht zuhause, wo mein kleiner Brainbug sein erstes Unwetter erlebte. Er hat sich, so erzählt seine Mutter, arg gefürchtet, geweint, und erst als sie ihm ausführlich erzählt hat, dass der Donner "da oben" "weit weg" ist und so was halt mal vorkommen kann, hat er sich beruhigt. Als ich eine halbe Stunde später triefend nass nach Hause kam, konnte ich ihn schon wieder zum lachen bringen über das ferne Grollen.
Weil der Tag aber mit einem Donnerwetter ganz anderer Art angefangen hat, gab mir das ganze doch zu denken. Wenn Kindischatz vor einem meterologischen Unwetter Angst hat, macht uns das keine Sorgen; im Gegenteil, ich fand es irgendwie süß. Aber wenn die Götter sein Welt, also Mama und Papa, in Streit geraten und stundenlang türnknallend oder krakeelend durch seine kleine Welt toben, dann ist das was anderes.
Wirklich? Es gibt ja verschiedene Denkweisen zu dem Thema.
  • Einerseits muss man auch das Steiten lernen, weil ohne kommt man ja doch nicht durchs Leben. Warum also nicht von denen, die einem auch alles andere beibringen, vom Töpfchengehen bis zum Kravattebinden oder Zöpfeflechten. Allerdings muss es "richtig" passieren: keine Gewalt, keine Beleidigungen, kein Alkohol, möglichst hinterher eine öffentliche Versöhnung. Streit hinter geschlossenen Türen ist wahrscheinlich keine gute Idee, denn wie jeder Horrorfilmfan weiß, sind die Schlimmen Sachen, die man nicht sieht, gruseliger als die, welche sich zeigen.
  • Andererseits ist es tatsächlich furchtbar, einen Streit (oder immer wieder Streitereien) der Eltern zu erleben. Jeder von uns wird sich daran noch erinnern können.
Mir kommt irgendwie der Verdacht, dass diese beiden Schulen an der Wirklichkeit vorbei gehen. Es ist nicht die Frage, wie man am besten vor den Kindern streitet, oder ob. Es ist eine Tatsache, eine Widrigkeit des Lebens, die man genau so wenig vermeiden kann wie Zahnarzt, Steuern und Werbeanrufe zur Abendessenzeit. (Außer man vermeidet es, Zähne zu haben, ein Einkommen und ein Telefon - hey, das ist ja wie bei meinem kleinen Brainbug vor einem Jahr oder so) Streit macht Angst, ist eine schlimme Sache, manchmal führt er zu einer Scheidung... Aber da muss man durch, auch als Zweijährige/r.

Ganz philosophisch betrachtet können wir unsere Kinder nicht davor schützen. Wir können auch nur ganz wenig daran verändern; wenn wir uns kaum selber im Griff haben, dann sind die Steuerungsmöglichkeiten begrenzt. Aber wir können unseren Nachkommen im Jammertal dabei helfen, mit dem Unvermeidlichen umzugehen. Was sie jetzt lernen beim Streit ihrer Eltern, dass hilft ihnen später, bei den unzähligen Schicksalsschlägen die sicher folgen werden. Wir selber können auch was lernen: dass wir eben machtlos sind, alles Schlechte von unseren Kindern fernzuhalten. Leider ist das eine Lektion, vor der wir uns nicht drücken können.

Oh Mann, so finstere Überlegungen. Dabei sind die Wolken doch schon wieder verflogen, und die Frühlingssonne scheint. Besser, wir leeren das Regenwasser aus dem Grill und bringen Brainbug die Freuden von gebratenen Zucchini bei.

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