Warum wir vor dem Alter von 3 Jahren nichts mehr wissen.

Ich kann mich an nichts erinnern, was mir vor einem Alter von rund 3 Jahren passiert ist. Den meisten Menschen geht es genauso. Der Fachbegriff für dieses Phänomen lautet "infantile amnesia" (niemand hat gesagt das Fachbegriffe originell sein müssen. Aber englisch.)

Gleichzeitig haben Kinder im jungen Alter eine unglaubliche Lernfähigkeit. Der "Wortschatzspurt" tritt ein, und die Eltern gerade von Erstgeborenen kommen oft aus dem Staunen nicht heraus, was ihr Kind auf einmal alles sagen kann, oder an welche Handgriffe es sich erinnert, oder was er sich von den Eltern abgeschaut hat und es später nachahmt. (versteckt eure Rasierklingen, kann ich aus persönlicher Erfahrung nur raten).

Wie soll man diesen Widerspruch zwischen Alles Vergessen und Alles Erinnern erklären? Die Wissenschaft versucht dem Phänomen auf den Grund zu gehen, und hat ein paar interessante Ergebnisse gefunden. Kinder können sich an die ungewöhnlichsten Sachen erinnern, diese Gedächtnisleistung ist aber sehr stark kontextabhängig. So gaben die Forscher in einem Experiment Kindern verschieder Altersgruppen ein motorgetriebenes Mobile, dass die Krabbler durch einen Tritt aktivieren konnten. Auch die jüngsten (6 Monate) konnten sich noch nach zwei Wochen an diesen Kniff erinnern. Aber wenn auch nur ein Stück des Mobiles entfernt wurde, sank die Erinnerungswahrscheinlichkeit ganz erheblich.

Man nimmt nun an, dass unsere Probleme, uns an frühkindliche Erlebnisse zu erinnern, kein Problem des Gedächtnisses sind, sondern ein Versagen, diese Erinnerungen wieder zu finden. Wir müssten im richtigen Kontext danach suchen, und weil sich unsere Welt im Alter zwischen 0 und 3 Jahren so grundlegend verändert (auf einmal sehen wir die Tischplatte von oben, und wir verstehen die Sprache, die Erwachsene reden...) kommt der nötige Zusammenhang einfach nicht mehr zustande. Unsere Erinnerung ist wie in einem Postfach versperrt, zu dem wir den Schlüssel nicht finden können.

Überhaupt ist die Zeit ein schwieriges Phänomen für Kinder. Jeder Vater und jede Mutter wird das schon erfahren haben. Mein kleiner Brainbug zum Beispiel kann mir gut erklären, welche Plakate in der U-Bahn-Station hängen (die U-Bahn ist sowieso faszinierend, da fällt das Erinnern leicht), oder welche Haltestelle stadteinwärts liegt. Aber über ein Gestern oder Morgen muss ich mit ihm nicht zu reden versuchen. Der leicht ahnungslose Gesichtsausdruck und die verlegenen, einsilbigen Antworten ("Ja?") sind ein deutliches Zeichen, dass das über seinen Verstand geht.

In einem Experiment, das zeigt dass auch Entwicklungspsychologen einen Hang zu albernen Scherzen haben, pappten die Forscher kleinen Kindern unbemerkt bunte Aufkleber auf den Kopf und filmten diese Szene. Wenn sie die Aufgenommenen Filme den Kindern kurz darauf vorspielten, zeigte sich, dass Kinder ab einem Alter von rund vier Jahren in den meisten Fällen erkannten, dass ihnen dieser Streich gespielt worden war, und sie fassten sich an den Kopf, um den Aufkleber abzunehmen.
Die Zwei- und Dreijährigen taten das meist nicht.
Warum? Eine Theorie ist, dass ihnen der Zusammenhang des zeitlich zurückliegenden Ereignisses mit der Gegenwart nicht klar war. Nicht ganz zufällig beginnt die zeitliche Orientierung also in dem Alter, in dem Kinder a) Sprechen lernen und b) Erinnerungen für den Rest ihres Lebens zu formen beginnen. Sprache, Erinnerung und Zeit scheinen zusammen zu hängen, oder aber sie werden alle von einem gemeinsamen Entwicklungsschritt im Geist des jungen Menschen ausgelöst.

Mein Brainbug muss noch eine Weile warten, bis es so weit ist. Aber zum Glück merkt er ja nicht einmal, dass Zeit vergeht.
"Always do whatever's next" - George Carlin

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