Wann das Jugendamt (wirklich) kommt

So, jetzt ist es passiert: das Jugendamt war da. Nicht bei mir (obwohl ich ja schon mal zweifelte, wann sie aufschlagen, oder ob) sondern bei einer lieben Freundin. Und es war nicht der Alkohol, der die Hüter der Jugend auf den Plan rief, sondern der Lärm.
Der Kleene - nennen wir ihn Adrian - wächst leider ohne Vater auf. Die Eltern haben sich getrennt, vor kurzem erst, und Adrians Mutter ist rein statistisch eine "gute" Zielgruppe für Probleme mit dem Baby: jung, formal wenig gebildet, arbeitslos.
Offenbar reicht das schon, um sie dem Jugendamt ins Visier zu rücken. Alles was es braucht, bis ein Verterer der Amtes anrückte, war - jetzt kommts - ein Anruf vom Nachbarn, der sich über den Lärm beschwerte. "Das Kind schreit andauern", oder so ähnlich.
Meine Bekannte war natürlich völlig mit den Nerven fertig, und spekulierte heftig, welchem ihrer Hausnachbarn sie eine gebrauchte Windel in den Briefkasten stopfen sollte. Der eigentliche Termin war dann völlig harmlos: richtig nett sei die Dame vom Amt gewesen, und natürlich gab es nichts zu beanstanden. Keine Folgetermine wurden ausgemacht, keine Aufsichtspflichten angemahnt, nix.
Dieses glimpfliche Ende war das erste vernünftige Kapitel in diesem Trauerspiel. Adrian ist gesund und munter, seine Mama nicht mehr überfordert als andere junge Eltern auch, und Kinder schreien eben. Aus allen möglichen Gründen. Es war eine richtige Entscheidung der Jugendbeamten.
Aber ich hab mich trotzdem darüber geärgert. Ihr Kommen zeigt nämlich, dass das Jugendamt vor allem mit einem einzigen Werkzeug arbeitet, um seine "Kandidaten" auszuwählen: der Statistik. Alter + Einkommen + Schulabschluss ist kleiner gleich Wert X? Dann reicht schon ein Blockwart, der meckert.
Aber bei einer Adresse in einer "teuren" Straße, Reihenendhaus oder gar Doppelhaushälfte? Da kann das Kind auch mal von seinen Suff-Eskapaden erzählen und nichts rührt sich.
Mit ein bisschen Statistik und Sozialwissenschaft weiß kman natürlich, dass daran nichts systematisch Falsches ist. Große Fallzahlen (von Menschen) erfordern eben statistisch basierte Regeln. Aber es geht eben nicht um Fallzahlen. Es geht um Adrian und seine Mutter, und irgendwie kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Fürsorge für gefährdete Kinder (und die ist wichtig und richtig) nicht besser wird, wenn sie nicht mit Menschen arbeitet, sondern Kenngrößen.
Ganz zum Abschluss: typisch Deutschland. Eine Beschwerde wegen Kinderlärm.

Kommentare

  1. Hihi, danki fürs teilen, die Windel im Briefkasten. Haha, das muss ich mir mal durch den kopf gehen lassen;)

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