Angst!

Das Erbeben in Japan hat meinen Dreieinhalbjährigem Angst gemacht. Opa hat ihn etwas unüberlegt auf dem Schoß gehabt, als er selber in den ersten Stunden des Unglücks die eindrucksvollen Videos im Internet angesehen hat. Die mit dem Supermarkt, wo die Regale wanken, den Leuten, die im Trümmerregen aus dem Hochhaus spurten, der Welle, die den Flughafen verschluckt, dem Feuer in der Raffinerie.

Vielleicht war es nicht schlau. Mein Brainbug aber ist schlau, hat die Bilder verstanden und darauf reagiert wie er immer reagiert, wenn ihn etwas beschäftigt. Fragen, fragen, fragen. "Plattentektonik" klingt noch ein bisschen unbeholfen aus seinem Mund, aber "Jod" versteht er schon (dazu später). Es ist eine Bewältigungsstrategie, die im Tageslicht gut funktioniert. Nachts nicht.

Er hatte schon erwähnt, dass er Angst hat, und wir haben ihm erklärt, dass uns hier nichts droht, dass in Japan die Feuer schon aus sind (etwas optimistisch), die Leute in die Krankenhäuser gebracht werden, die Schäden repariert. Das hat er eingesehen. Trotzdem fing er sofort zu weinen an, als ich ihn in seinem Bett und Zimmer alleine lassen wollte. Was dann folgte, war eine der einprägendstens Sachen, die ich je mit ihm erlebt habe.

Mein Brainbug weinte nicht wegen dem Erdbeben, sondern wegen der Angst. "Papa, was kann man dagegen tun?" fragte er mich. Unter Tränen. Leider bin ich kein Psychologe, und kenne NLP nur so nebenbei. Schamanismus im Halbwissen, und fürs Saufen ist der kleine noch zu jung. Was konnte ich ihm also empfehlen, um seiner Angst zu begegnen.

Ich zählte verschiedene Wege auf: ersten kann man zur Angst im Herz einfach sagen "Ich weiß dass Du da bist und das ist OK so." Zweitens kann man abwarten. Drittens schlafen. Viertens, aber das funktioniert nur manchmal (und ich kam mir albern dabei vor, es vorzuschlagen) kann man ein Bild von seiner Angst malen, alle Angst in das Bild stecken und dann werfen wir es aus dem Fenster.

"Und siebtens und achtens? Sag!"

"Ich kann dir noch einen Tee machen." - Kräutertee, der mich immer gut schlafen lässt.

"Ja."

Ich durfte ihm den Tee machen, während er vor dem Zimmer saß und wartete, und dann musste ich seine Stifte und Papier holen. Dann hat er seine Angst gemalt, mit wenig Kommentar dazu, vier Mal:

Angst 1: der große Außenkreis war zuerst da, "so groß".


Angst 2 fing mit ein paar Linien an, die dann deckend übermalt wurden.


Angst 3 war motorisch heftiger als die vorherigen

Angst 4 experimentert mit einem neuen Medium: Stempeln. Dadurch bekommt es etwas Stückhaftes, Isoliertes.

Wir gingen dann zum Balkon und warfen die Blätter hinaus. Mein Sohn sah hinterher und sagte, was ich befürchtet hatte: "Es ist immer noch da". Die Angst war nicht gewichen.

Aber sei es, dass die Wirkung verspätet eintrat, dass der Tee half, oder einfach nur weil wir 90 Minuten lang mit dem Problem gekämpft hatten und mein Schatz einfach fertig war mit der Welt: er schlief dann bald ein. In der Früh waren seine ersten Worte "Die Angst ist weg.

Zu meiner Überraschung hat er heute von selber wieder seine Stifte gefordert, als er Angst hatte (aus anderen Gründen; er war alleine in sein Zimmer gegangen und hatte sich über die Einsamkeit offenbar erschreckt. Er war müde, es war spät, da reicht das bisweilen schon). Heraus kamen (und heraus flogen aus dem Fenster) "Angst 5" und "Angst 6".

"Angst 5". Wäre ich Kunstphilosoph würde ich die Verwendung des Regenbogenfarbstifts als Kommentar zur menschlichen Natur deuten. Die Angst hat viele Gesichter, und ist doch stets die Gleiche.


"Angst 6" weist auf seine Rechtshändigkeit hin.

Leider hilft mir das Bildermalen nicht so recht weiter, vermute ich (ich habe es ehrlich gesagt noch nicht probiert). Aber dass ich bereits in Erinnerung an 1986 Jodtabletten für meinen Sohn gekauft habe (und das etwa 30 Minuten nach der Explosion des ersten Reaktors ) ist auch nur Angstbewältigung. Rational glaube ich nicht, dass dieser Akt irgendwas hilft. Aber wenn ich für 4,25 meinen Seelenfrieden wiederfinde, weil ich denke ich habe was getan im Angesicht der Katastrophe, dann ist es mit das wert.

Obwohl - für das Geld krieg ich auch sechs Flaschen Bier. Die trinke ich dann mit dem Schamanen meines Vertrauens. Und dann gehen wir den Garten aufräumen, wo die Werke meines Kindes in den Ästen hängen.


Nachtrag 16.3.2011: Die Bild-Zeitung hat einen Ratgeber zum Thema "Wie erkläre ich Kindern die Ereignisse in Japan" online, der ganz plausibel ist. Obwohl es die Bild ist.

Nachtrag 17.3.2011: "Wired" nimmt sich der Frage auch an. "How to talk to your kids about the disasters in Japan" ist ein Stück aufgeklärter, bleibt aber etwas vage.

Nachtrag 18.3.2011: "Nach dem Gau in Fukushima": auch die SZ geht auf die Problematik ein, konzentriert sich aber auf ältere Kinder und Jugendliche.

Nachtrag 21.4.2011: Das Nido Magazin hat japanische Kinder ihre Ängste malen lassen. Online nicht verfügbar, der Artikel "Ich will wieder nach Hause" kann aber online kommentiert werden.

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