46 Gründe warum mein Kind ausflippt (und warum das gut ist)

Eltern kriegen viel Kritik zu hören wegen ihrer Kinder. Die Deutschen sind eben noch nicht so kinderfreundlich. Wenn als ein Zweijähriger seinen kleinen Wutanfall in der Tram kriegt, dann erntet man böse Blicke von Nicht-Eltern. Auf Facebook kursieren Fotos mit "Ich wurde gut erzogen"-Besserwisserei, deren Urheber vor gerümpfter Nase vermutlich nicht mehr frei atmen können. Was für rückgratlose Eltern lassen ihren Kindern so etwas durchgehen!
Na, sagen wir Papas und Mamas und dann, kommt ihr erstmal in das Alter. Und falls ihr schon drüber seid: wer nicht dabei war, kann nicht mitreden. Also bitte keine Zwischenrufe (wir haben eh kein Ohr dafür, weil wir Juniors Finger gerade unter Protest einzeln vom Haltegriff lösen müssen - die nächste Haltestelle ist nämlich unsere).

Ich gebe zu, dass ich mich für diesen Text auf zwei Quellen berufe, einmal "Why does my kid freak out" und zum anderen "46 reasons my three year old might be freaking out" - unbedingt lesen. Außerdem bin ich reltiv glimpflich über die Terrible Twos meines Sohnes hinweg gekommen. Seine kleine Schwester ist aus einem ganz anderen Holz geschnitzt, und mir schwant schon Übles für die Zeit zwischen 24 Monaten und 14 Jahren (Mamas Mama erzählt gerne mal von den bockigen Anwandlungen ihrer Töchter. Oh je.)

Zumindest bei den Kleinkindern sind die unvorhersehbaren (und oftmals auch komischen) Stimmungswandel und cholerischen Epsioden eine sehr natürliche Reaktion (wer das noch nicht wusste  hat entweder keine Kinder, hat sich keine Gedanken darüber gemacht oder hat ein Kind wie aus "Das Dorf der Verdammten" - siehe hier http://www.imdb.com/rg/s/1/video/screenplay/vi2054094873/).

Die Welt ist chaotisch und unvorhersehbar, und unsere Kleinen haben zwar die geistigen Gaben, sie wahrzunehmen, aber noch nicht die Erfahrung, sie einzuschätzen. Das ist frustrierend und beängstigend. Manchmal geht Mama kurz weg, manchmal stundenlang. Wie kann man das unterscheiden? Warum ist auf einmal alles "Nein!"? Lieben mich meine Eltern nicht mehr? Und jetzt, gerade wo ich laufen kann und mit Dingen spielen, darf ich es nicht mehr. Dazu noch dieser komische Körper: andauern sendet er komische Signale, Papa und Mama mischen sich ein ("Bist du hungrig?" - "Geh mal aufs Töpfchen" - "Tut dir was weh?") und es ist nicht so ganz klar, ob sie mit diesen Körpergefühlen nicht doch in unerklärlicher Verbindung stehen. Macht Mama mich hungrig, damit ich Erbsen esse? Mal ganz zu schweigen von den Gefühlen, die solche Überlegungen in uns auslösen. Was ist das, und wo kommt es her? Weinen hilft, und Sachen schmeißen auch. Befreiend. Außerdem: eine der wenigen Sachen, die ich gut kann.

Wer es gerne ein bisschen medizinischer will: der Frontallappen ist schuld. Er ist noch unterentwickelt, und so fehlen kleinen Kindern sowohl ein klares Zeitgefühl als auch die Selbstkontrolle, die ihnen helfen würde ihre Emotionen im Zaum zu halten (mein Bruder, der einen besonders feurigen Rotschopf hat, erklärte es so: Es gibt Zeiten, da hört mich mein Kind nicht. Er hört gar nichts. Da muss man warten, bis es vorbei ist, bevor man irgendetwas versucht.)

Es scheint mir ein weiterer Fall zu sein, wo die Entwicklung des riesigen menschlichen Hirns an anderer Stelle zu Problemen führt. Mit zwei Jahren lernen wir zu schnell, um das Gelernte zu verarbeiten, und weil wir dieses Wissen bräuchten, um uns in der Welt zu orientieren, sind wir ständig frustriert und verängstigt. Es ist ein Wunder, dass Zweijährige nicht ständig schreien - und wahrscheinlich ist das Vertrauen in ihre Eltern einer der wichtigsten Gründe, der sie davor bewahrt.
Als bitte, wenn euer Goldstück beim nächsten Frühstück ballistisch wird: nicht verzweifeln. Es reicht doch, wenn das einer am Tisch macht.


Übrigens: wer mir sagen kann von wem diese Plastik in einem Osloer Vorort ist, gewinnt ein zerschlagenes Babyspielzeug von mir:

Foto von sean dreilinger und von Forest Runner

Kommentare

  1. Wie wahr, wie wahr! Gut und treffend beschrieben. Das sollten alle Eltern lesen, die beim Einkaufen schon mal darüber nachgedacht haben, sich ebenfalls bockig strampelnd auf den Boden zu werfen ;)

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  2. Da würde der Kleene (oder die Kleene) aber Augen machen!

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  3. Aber vielleicht würde das "Spiegeln" der Handlung zu einem verwirrten (aber ruhigen) Kind führen ;-)
    Ich werde das nicht ausprobieren, so schlimm war's bis jetzt zum Glück noch nicht :)

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