Moderne Erziehung, auch iPad genannt

Hand aufs Herz: wir alle lassen unser Kinder Tablets und Smartphones verwenden. Alle mal die Hand heben, die sich schon mal gefragt haben,ob das schlau ist. Jetzt Hände wieder auf den Bildschirm zum Scrollen. Das war unsere tägliche Fitnessstunde.
Die Wahrheit ist, dass unsere Kinder mit mobilen Computern aufwachsen, so wie wir mit dem Fernsehen aufgewachsen sind. Unsere Eltern haben sich die Haare gerauft deswegen. Es hat nichts geholfen. Hat es geschadet? Uh, keine Ahnung. Es hat dem konstanten Anstieg der IQ-Werte über die Jahre keinen Abbruch getan. Aber wie wird die Zukunft der iPad-Nutzung unserer Kinder aussehen? Es gibt ein nettes Beispiel und viele dumme.



Das hier ist ein dummes. Ein iPad vor dem Babytöpfchen. Ich will meinem Kind die Toilettennutzung beibringen, da ist Ablenkung nicht hilfreich. Außerdem weiß jeder Papa und jede Mama, was passiert. "Muss Kaka", alle zehn Minuten, ohne das was Substantielles passiert. Vorteil: das Kind ist aufgeräumt. Nachteil: Blasenentzündung vom nackerten Rumsitzen.


Schlauer: Interaktive Programme. Das steckt noch in den Kinderschuhen (verzeiht das Wortspiel), aber ein erstes Produkt ist die kostenlose "The Winston Show". Irgendwann, in fünf Jahren, wird sich auch mal ein deutscher Anbieter finden, der so was macht. Das Erklärvideo sagt noch nicht viel aus:

Aufschlussreicher ist in Artikel in der New York Times oder das Video des timetoplaymag. Die App erzählt Geschichten, die vom Kind gesteuert werden können - und zwar per Spracheingabe. Was der Spross da von sich gibt, wird aufgezeichnet (ich höre Hundertausend datenschutzmündige Eltern aufstöhnen) und Papa oder Mama per E-Mail geschickt. "Hör mal, was dein Schatz tolles gesagt hat." Danke, ich bin selber im Nebenzimmer.

Oder halt auch doch nicht. Es gibt Geschäftsreisende, die selten zuhause sind. Es gibt Eltern, die vollzeit Arbeiten und sich digitale Andenken wünschen. Doch wie steht es um die Kinder selber? Ist es ein Vorteil, nicht mehr wie unsere Generation "Lean Back"-Medien zu konsumieren, sondern "Lean Forward" teilzunehmen? (Wer die Begriffe nicht kennt: Lean Back beschreibt Rückentraining, Lean Forward Bauch-Weg-Massage).

Als Geschichten-Erzähler, Autor, Rollenspieler und Larper würde ich sagen: es wird lange dauern, bis ein Computer die Tiefe an Interaktion bieten kann, die ein Mensch ganz natürlich leistet. Das soll nicht heißen, dass unsere Kinder sozial verkümmern werden, eher im Gegenteil: die Zeit, die wir vor 20 Jahren vor dem Fernseher passiv verbracht haben, verbringen sie jetzt zumindest halbwegs geistig aktiv. Das kann zum Nachteil des nicht-digialen Lebens sein (wer hat sein Kind noch nicht nervlich völlig fertig erlebt nach eine halben Stunde Zocken am Bildschirm?), und Kulturpessimisten sehen unseren Nachwuchs sicher schon mit einer Point-and-Click-Mentalität ins Leben gehen, unfähig, komplexe Aufgaben zu bewältigen oder die Emotionen ihrer Mitmenschen feingliedrig zu verstehen. Nun, liebe KultiPessis: so richtig toll hat das noch nie geklappt.

Ich bin gespannt, echt interaktive Medienangebote zu erleben. Nicht nur für meine Kinder. Ich denke nicht, dass ich deswegen fiktive interaktive Spiele wie Pen&Paper oder Larp aufgeben werde. Viel zu viel Spaß. Das werden auch unsere Kinder so sehen. Aber wenn Zeit ist für beides, dann natürlich gerne stundenlanges Daddeln und stundenlanges Bäumeklettern. Wenn Papa nervt, dass jetzt noch stundenlanges Lernen, Üben, Haushalthelfen ansteht, kann man ja immer noch plötzlich ganz müde werden.

Und damit wären wir schon beim größten Vorteil des iPads: die Passwortsperre. Seit Erfindung der Prügelstrafe der beste Weg, seine Kinder zum Gehorchen zu bringen. Danke, Steve Jobs.

Bilder unter Creative Commons Lizenz von demandajvon paz.ca und von jmartinezsolera

Kommentare

  1. Solange sie das iPad nicht ins Baumhaus mit hochnehmen ist alles gut ;-) Wie du richtig schreibst, das Aufwachsen mit diesen Medien ist der aktuelle Zeitgeist. Wir sind mit Captain Future und Konsorten groß geworden - unter den rollenden Augen der Eltern. Von den Großeltern mal ganz zu schweigen... auf die Mischung kommt es an.

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  2. Die Entwicklung der Technik lässt sich nicht aufhalten. Ich versuche meinen Kindern den richtigen Umgang mit den Medien zu vermitteln. Computerspiele und soziale Netzwerke sind zu verlockend. Verbieten bringt nichts, eher ein gutes Vorleben. Für kleine Kinder ist es sicher sinnvoll die Zeit mit dem Tablet oder Computer zeitlich zu begrenzen...aber es gibt soviel wertvolle Möglichkeiten wie Memory, Puzzle- oder Denkspiele, selbst Klavierspielen lernen ist möglich ;)

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