Die Wiese zwischen Asylantenheim und Kindergarten

Unser Kindergarten hat Schildkröten, deren Aquarium am Fenster steht. Wenn die kleinen Amphibien da raus schauen, blicken sie über einen Streifen von Wiese auf die neu errichtete Asylantenunterkunft unserer Gemeinde. Dort geht es immer sehr friedlich zu - man könnte sogar sagen langweilig.
Frühmorgens. Vorne Rutsche, hinten Container 

Wenn ich nach dem Abliefern meiner Tochter mein Smartphone zücke, sehe ich ganz andere Bilder. Schlägereien, Steineschmeißer, Straßenschlachten. Nun wohnen wir nicht an der Grenze und nicht am Hauptbahnhof, aber ich kann mich des Verdachts nicht erwehren, dass jemand auf Twitter, Youtube und Facebook versucht, die Wirklichkeit zu verzerren. Und es sind - überraschenderweise - Leute auf beiden Seiten der Debatte und zudem viele Leute, die eigentlich nichts mit dem Thema zu tun haben.
Beide Einrichtungen - Kindergarten und Unterkunft - sind aus Containern gebaut. Das ist nicht super, aber es geht. Ich mache mir keine Sorgen, dass mein Kind deswegen krank wird oder weniger Spaß hat. Die Schildkröten auch nicht. Auf dem Arbeitsweg radle ich direkt an der Unterkunft vorbei, Manchmal kommen mir Bewohner auf dem Weg zum Bahnhof entgegen, Frauen, Männer, Kinder. Machmal sitzen zwei dicke, schwarz angezogene Security-Männer vor den Containern im Schatten eines Lagnese-Sonnenschirms. Bei Stadtfesten sieht man ab und zu kleine Gruppen von dunkelhätigen jungen Männern bei einem Glas Spezi an einem Tisch sitzen. Sie sind ruhig, zurückhaltend. Meine Frau meint, in der S-Bahn wären sie manchmal unangenehm laut. Wie junge Männer halt manchmal so sind.

Ich frage mich wirklich, wie ich anderen Menschen dieses Bild der Flüchtline zeigen kann. Denn ich verstehe, dass andere Bilder - von Auseinandersetzung, Aufregung, Ausnahmezustand - sich in den Medien besser vermitteln lassen (ist ja mein Job, die Medien). Und wenn die Linken (um schnellere und bessere Gesetze zur Einwanderung zu fordern), die Rechten (um schnellere und bessere Gesetze gegen die Einwanderung zu fordern), die Tea Party (um die Angst vor dem Islam zu schüren) oder RT (weil sie der EU nachsagen will, dass diese genau so unmenschlich ist wie sie es der russischen Regierung vorwirft) die schlimmsten Bilder zeigen, die sie finden (und manche erfinden), dann werden sie gehört.

Aber das ist nicht die Wahrheit. Wahr ist: wo Hundertausende Menschen in Not durch zwei Kontinente reisen, dann wird es unschöne Szenen geben. Das ist die menschliche Natur. Aber in diesem Fall sind die Beispiele von friedlichem Umgang und Solidarität viel verbreiteter, viel häufiger und viel wichtiger. Sie sind das Vorbild, an dem wir uns orientieren müssen statt Angst zu haben vor den wenigen Ausnahmen von der Regel der Humanität.

Ich werde das online auch jedem sagen, der die Flüchtlingskrise zur Agitation missbraucht. Und um die Wahrheit über unsere neu zugereisten Mitmenschen zu erfahren, verlasse ich mich besser auf die Schildkröten als die sozialen Medien.

P.S. Einen guten Aufruf habe ich über Facebook doch bekommen: den zum Spenden für die Flüchtlingshilfe etwa hier: https://onetoday.google.com/page/refugeerelief/ 
P.P.S. Für schöne Fotos ganz allgemein möchte ich Uwe Potthoff, den Fotografen des obigen Bildes empfehlen, dessen flickr-Feed toll ist.



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