Virtuelle Kinder schreien nicht

Schon wieder so ein Fall: vorgestern blogge ich über eine traurige Geschichte, heute wird sie sogar noch getoppt. Diesmal sind es nicht verblendete Eltern, die ihrem Kind aus Überzeugungsgründen medizinische Versorgung verweigern. Heute sind es zwei, nun, man muss annehmen zwei arbeitslose, planlose Menschen. CNN und slate.com zitieren koreanische Behörden, dass sich die beiden online kennengelernt haben, offline gepoppt, empfangen und entbunden hätten. Sie waren deprimiert von ihrer Situation, und versuchten dem Gefühl durch ein Onlinespiel zu entkommen, in dem sie - jetzt kommts - ein viruelles Kind aufzuogen. Das echte Kind ließen sie nebenbei verhungern.
Wenn es nicht so tragisch wäre, müsste man darüber lachen. Comedy equals tragedy plus time, aber das hier ist erst vor wenigen Monaten passiert.
Medienpessimismus macht sich breit, der Eskapismus mithilfe von digitalen interaktiven Medien wird vor allem in dem Slate-Text angeprangert. Da mag was dran sein. Mir fällt aber was anderes auf. Babys groß zu ziehen ist ein scheiß Stress. Es ist, realistisch betrachtet, eine grauenhafte Belastung (und, jajaja, ich liebe meinen Sohn und denke an die Zeit der ersten Wochen und Monate mit Nostalgie zurück. Hart wars, aber schön). Man kann das mit Pflichtgefühl durchstehen, durch Liebe oder durch die Hilfe von Omas, Opas, Freunden, Geschwistern. Als Paar oder allein, beides hat seine Fallstricke.
Aber die Geschichte der Menschheit ist voll von Leuten, die sich davor gedrückt haben. Männer zumeist, Frauen auch. Es kommt vor, es ist nicht verwunderlich. Das koreanische Paar hat sich gemeinsam entzogen, die Schuldgefühle vielleicht mit dem online-Kind betäubt. Das ist nicht die Schuld des Mediums, sondern der Leute, die es nutzen.
Wie muss es sich anfühlen, die Mutter oder der Vater des verhunderten Kindes zu sein? Ich kann es mir nicht vorstellen. Aber sollte ich jemals in Versuchung kommen, mich meiner Verantwortung als Vater zu entziehen, fünfe gerade sein zu lassen oder die Füße hochzulegen, wenn Not am Mann ist, dann erinnere ich mich hoffentlich an ihre Geschichte.

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