Männer sind X Frauen sind Y wegen der Evolution? Quatsch.

Evolutionär gestähler Mann sucht Frau. Mit breiten Hüften.
Evolutionär gestähler Mann sucht Frau. Mit breiten Hüften.
Ab und zu bin ich richtig fies, wenn es um die Presse und ihre Berichterstattung geht. Mag am Beruf liegen. Man wird zynisch. Nun bin ich selber nicht ganz unschuldig: auch ich pointiere gerne mal wissenschaftliche Ergebnisse, um einen Schmunzeleffekt zu bekommen. Aber ich bin ja auch kein Journalist (naja, jedenfalls schreibe ich nicht für eine große Zeitung oder so).

Stories über den Geschlechterkampf kommen immer gut an, deswegen werden sie geschrieben. Dabei wird gerne "Die Evolution" als Grund für alles herangezogen, und zwar mit Vorliebe die der Steinzeit. Männern sind eher untreu, weil es ein evolutionärer Vorteil ist. Frauen sind eher an treuen Männern interessiert, weil die dann auch für den Nachwuchs da sind: ein evolutionärer Vorteil. Diäten wirken nicht, weil unsere Körper aufs Fettwerden getrimmt sind. Der Grund? Genau. Die Evolution.

Das geht schon ganz automatisch. Man hört von einer Studie ("Frauen kaufen häufiger Schuhe als Männer") und sucht gleich nach dem großen "E" dahinter. ("Weil sie damit besser vor Säbelzahnztigern davon laufen können. Ein evolutionärer Vorteil in der Steinzeit". Oder irgendsowas.)
Alles Quatsch, wie man sich denken kann. Wenn es so einfach wäre, wüssten wir viel mehr über das menschliche Wesen und wären sehr viel berechenbarer.

Eine Studie in 10 verschiedenen Ländern zeigt jetzt noch deutlicher, warum wir gerade bei den Unterschieden zwischen den Geschlechtern nicht einfach alles für bare Münze nehmen dürfen, was als evolutionär logisch verkauft wird. In "Stepping Out of the Caveman’s Shadow: Nations’ Gender Gap Predicts Degree of Sex Differentiation in Mate Preferences.” untersucht ein Team von Soziologen, wie stark die Stereotypen ausgeprägt sind, die gerne mit den verschiedenen Rollen von Mann und Frau in der Evolution erklärt werden. So Sachen wie "Frauen suchen gute Ernährer" oder "Männer suchen gesunde, gebärfähige aber nicht zu schlaue Frauen". (Eine Zusammenfassung auf Englisch findet sich auch bei Slate.)

Was kam dabei raus? Deutliche Unterschiede zwischen Ländern mit modernen Rollenbildern (Deutschland, Finnland...) und nicht so modernen (die Türkei und Südkorea werden angeführt.) Nicht überraschend, dass Männer und Frauen in den modern geprägten Gesellschaften sich von den angeblich vorprogrammierten Einstellungen weit entfernt haben (Finnen suchen etwa schlauere Finninen).

Was sagt uns das? Zwei Dinge: die Evolution hat sicher ihre Spuren hinterlassen. Aber das meiste, was wir an Verhalten zeigen, ist nicht von ihr geprägt, sondern von unseren Gesellschaften. Denn die beste Eigenschaft, evolutionär gesprochen, ist die Anpassungsfähigkeit: wir Menschen, unsere Hirne und unser Verhalten, ist flexibel. Wir tun, was funktioniert. Und das ist nicht in unseren Genen, sondern in unserer Umwelt.

Die machen wir uns selber. Ich hätte also gerne eine schlaue Frau. Korrektur: ich habe eine. Wenn sie jetzt noch gut kochen könnte, wäre das kein Scheidungsgrund. Aber wichtig war es nicht bei der Partnerwahl. Und unser Nachwuchs (also das Vehikel unserer Gene) scheint auf dem besten Weg, ein Erfolgsmodell zu werden. Hoffentlich sind sie so schlau, sich ihre Wissenschaft nicht aus der populären Presse zusammenzulesen.



Bild von jamingray

Kommentare

  1. *applaus*
    *applaus*
    *applaus*

    (Bei der Einleitung hatte ich schon befürchtet, es komme wieder so ein Mittelwertsstuss und ich müsste mit meinem standardmässigen Intra-Gruppen-Varianz-Grösser-Als-Inter-Gruppen-Varianz-Sätzchen contern.
    Danke, dass das diesmal nicht nötig war!

    Ansonsten ist die Evolutionsbiologie ein wahnsinnig spannendes Gebiet (auch für Soziolog(inn)en ;-) - wenn sie wissenschaftlich interpretiert wird und nicht Bild-mässig. Zum Beispiel hier, wo ein Biologe mit anthropologischen Fakten herauszufiltern versucht, was denn nun Natur und was Kultur ist: Googeln Sie mal nach "The Primate Diaries" auf Scientific American.

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  2. Danke, danke [Knicks]. Meine Exfreundin ist Schuld. Die ist Verhaltensbiologin, und wir hatten eine Menge Spaß mit so Themen. Als ich sie kennenlernte, war ihr Job Erektionen von Affen zu zählen.

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  3. Ich habe Dir gerade einen Award verliehen. Ist ein bißchen kettenbriefmäßig, aber was soll ich machen? :-)

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