Pädophilie und die Nachteile von Tabus

Ein Tabu ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits kodifiziert es Handlungsanweisungen und soziale Normen, andererseits stellt es ein Sprech- und Denkverbot dar. Man mag geteilter Meinung sein, ob alles sprech- und denkbar sein muss; ich bin der Meinung das jede Behinderung des Denkens eine Gesellschaft eines Teils ihrer Stärke beraubt. So auch der Nimbus, der die Krankheit der Pädophilie umgibt.
Ein konkretes Beispiel zeigt, welche Probleme aus einem strengen Tabu entstehen. In den USA müssen Menschen mit pädophiler Neigung gemeldet werden, es gibt Register mit sexuellen Straftätern, die öffentlich einsehbar sind. Das kreirt eine starke Motivation für einen Mann, der sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlt, sein Problem für sich zu behalten, anstatt Hilfe zu suchen. Man muss annehmen, dass dies dazu führt, dass mehr Fälle von Kindesmissbrauch geschehen statt weniger, wenn ein so veranlagter Mann (nur so am Rande: es mag auch Frauen geben, die an dieser Krankheit leiden, aber in aller Regel scheint es ein männliches Problem) seinen inneren Dämonen irgendwann nicht mehr widerstehen kann.

Es ist ja nicht so, dass die Gründe fehlen würden, nicht auf diese Art straffällig zu werden. Im Gegenteil: die Rechtsprechung ist angemessen drakonisch, die öffentliche Wahrnehmung eindeutig dagegen, der innere moralische Kompass zeigt eindeutig in eine Richtung. Doch Menschen sind eben nicht immer rational. Sie tun grauenhafte Dinge, und sie machen katastrophale Fehler. Sehr oft sind sie Sklaven von Süchten, Manien, psychologischen Zwängen. Aktuelle Forschungsergebnisse scheinen darauf hinzuweisen, dass Pädophilie ein solcher, biologisch begünstigter (wenn nicht vorgegebener) Zwang ist. Die Krankheit wäre dann vergleichbar mit dem Alkoholismus, der in früheren Zeiten ebenfalls tabuisiert war. Es war eine wichtige soziale Entwicklung, ihn als Suchtkrankheit zu begreifen, und den Leidenden so die Möglichkeit zu geben, Hilfe zu suchen. Er wurde enttabuisiert, und die Betroffenen - Kranke wie Angehörige - werden das sicher als Befreiung erlebt haben.

Die meisten dieser Gedanken kann man (besser formuliert und umfangreicher) in einem Artikel "How Can We Stop Pedophiles?" nachlesen. Er bezieht sich direkt auf die Verhältnisse in den USA, und aus deutscher Warte sind vor allem zwei Dinge hinzuzufügen: zum einen überrascht es mich, dass die (allgemein sehr viel liberalen) USA in diesem Punkt so drakonisch sind. Zum anderen führt dies zu einer fast schon ironischen Wendung: ein Hilfeangebot für pädophil veranlagte Menschen mit Sitz in der Bundesrepublik. Einmal mehr zeigt das Internet, was der freie Fluss von Informationen zu leisten instande ist - ein Ende der Denkverbote also.

Vielleicht ist das ein erster Schritt, das Angebot an präventiven und therapeutischen Angeboten zu erweitern, ohne an dem Tabu, welches dieses Thema umgibt (ganz ungeachtet so Shows wie Toddlers & Tiaras übrigens) zu scheitern. Es wäre ein wichtiger Schritt im Kampf gegen die Tragödie des sexuellen Missbrauchs von Kindern.

Kommentare

  1. Hallo, ich habe deinen Blog erst jetzt via Mama Mia entdeckt und bin schon sehr gespannt auf euer anstehendes Blog-Battle. ;-)
    Jetzt zunächst ein kurzer Kommentar zu diesem Artikel: ich finde es einen interessanten und auch wichtigen Denkansatz, den du hier vertrittst. Ich gebe nur zwei Dinge zu bedenken:

    1. ich denke nicht, dass man Pädophilie gänzlich enttabuisieren sollte, denn das gesellschaftliche und moralische Tabu erfüllt auch den Zweck, mögliche Täter abzuhalten. Die Tendenz, pädophile Neigungen zu verharmlosen und so zu tun, als hätten auch die betroffenen Kinder Interesse an einer sexuellen Beziehung zu "ihren Tätern", ist ohnehin existent - eine Enttabuisierung auf gesellschaftlicher Ebene würde immer auch einer solchen Denke Vorschub leisten.

    2. Ich denke, der Vergleich mit dem Alkoholismus hinkt. Ja, ich verstehe die Analogie, sie ist da, sie macht Sinn. Aber der gigantische Unterschied ist doch, dass der Alkoholiker mit seiner Sucht in allererster Linie sich selbst, seiner körperlichen, geistigen und seelischen Gesundheit schadet. Der Pädophile aber schadet mit dem Ausleben seiner "Krankheit" in erster Linie ein unbeteiligtes Opfer: ein Kind. In all den oben genannten Aspekten. Und zwar nachhaltig und im Zweifel sogar irreparabel. Das ist ein fundamentaler Unterschied, meine ich.

    Ich glaube auch, dass die USA mit den Maßnahmen zu weit geht, aber hauptsächlich, weil ich der Meinung bin, dass damit in die Persönlichkeitsrechte von Menschen eingegriffen wird - aber da sind die ja in USA ohnehin ganz weit vorn... Dennoch: es muss so sein, dass der Schutz der potentiellen Opfer vor dem Verständnis für die potentiellen Täter kommt. Und ich denke, dass diejenigen, die sich bewusst sind, dass sie krank sind, sich wahrscheinlich ohnehin am ehesten Hilfe suchen. Die, die sich als "normal" begreifen, werden zu Tätern, egal, was man für Angebote macht.
    Hier in Berlin gab/gibt es ein interessantes Pilotprojekt an der Charité, das Pädophilen anonym Hilfe anbietet, von Psychotherapie über Medikation bis Operation. Ich glaube, das wurde ganz gut angenommen, ich lese das nochmal nach.

    In jedem Fall ein wichtiges Thema - danke fürs Ansprechen und Denk-anstoßen hier in deinem Blog.

    LG
    Anna

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  2. Hallo Anna,
    sehr richtig - Tabus haben in der Tat eine wichtige Funktion. Strafen auch, und beides hat seinen Platz in einer Gesellschaft. Wenn aber die Tabus dazu führen, dass mehr Fälle von Kindesmissbrauch passieren, dann ist das falsch - ich denke da stimmst Du mir sicher zu. Die Überlegung ist also nicht, Tabus abzuschaffen, sondern umzudeuten. Die Neigung sollte als Krankheit verstanden werden. Das Ausleben als schlimmes Verbrechen.

    Zu 2): Alkoholiker schaden durchaus auch ihren Nächsten, und ich glaube auch das Kind eines Alkoholikers kann ernsthafte Schäden davon tragen. Ein Pädophiler, der seine Neigungen nicht auslebt, schadet vermutlich niemandem. Auch hier wieder der Unterschied zwischen Krankheit und Verbrechen (den es bei Alkoholikern latent gibt, man denke an Trunkenheitsfahrten und Schlägereien. Bei anderen Drogenkranken sind Verbrechen sehr regelmäßig und sehr direkt Symptom der Krankheit, auch wenn es hier meist um Beschaffungskriminalität und damit um Sachdelikte geht).

    Ich denke der Knackpunkt an diesem Thema ist genau der: die Unterscheidung von Pädophilen Neigungen und Pädophilen Handlungen. Erstere scheinen für manche Unglücklichen unentrinnbar, zweitere sind absolut inakzeptabel, verdienen keinerlei Verständnis und müssen deutlich bestraft werden. Der Trick dürfte sein, diese Unterscheidung zu schaffen, um die Fallzahlen durch bessere Therapieangebote und einen enttabuisierten Zugang dazu zu senken. Keine leichte Aufgabe.
    Das Angebot der Charité ist, glaube ich, auch bei dem oben erwähnten Angebot dont-offend.org mit dabei - siehe http://dont-offend.org/berlin Das gibts also wohl noch.
    Viele Grüße,
    Rocktpapa

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  3. Als Vater macht man sich viele Gedanken.
    Als pädophiler Vater (ja, das geht) macht man sich umso mehr Gedanken! Ich weiß das, weil ich seit ca. 20 Jahren damit bewusst lebe und leben muss. Das Schlimmste für mich ist nicht, mit Kindern zu interagieren. Das schaffe ich problemlos, ohne gleich all' meinen Trieben ausgesetzt zu sein. Nur würde mir dieses Vertrauen keiner mehr geben, wenn sie von meiner Neigung wüssten. Es spielt keine Rolle, wie oft ich schon bewiesen habe, dass von mir für Kinder keine Gefahr droht. Allein die Tatsache, dass "...ein Pädophiler immer Gefahr läuft, seine Wünsche (endlich) auch in die Tat um(zu)setzen (zu wollen)...", so wie es die allgemeine Meinung in der Bevölkerung und auch in der Fachpresse ist, würde zu einer generellen Vorverurteilung all' meiner Kontakte zu den Kindern führen. Deswegen sehe ich es als das größte Problem vor allem für die Betroffenen, also Leute wie mich, mit einem Offenbaren gegenüber vertrauten Personen immer das Risiko eines familiären und/oder gesellschaftlichen "Selbstmordes" (Zurückweisung, Misstrauen, Isolation...) einzugehen. Genau das daraus folgende Tabu, in der Öffentlichkeit positiv über den (über meinen) verantworungsvollen Umgang mit meiner Neigung zu sprechen, genau das ist es, was meine Neigung für mich problematisch macht.
    Und deshalb bleibt es dabei, dass niemand von meinen Gedanken erfahren wird. Und deshalb wird man weiter bewundern, wie gut ich mit Kindern umgehen kann. Ich bin nicht der "böse schwarze Mann", aber ich werde nie die Chance haben, das irgendwem zu beweisen.
    (Name geändert)

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    1. Danke für diesen Blick durch deine Augen. Ich begreife gerade, wie schwierig es sein muss, als Vater einerseits Zeit mit den eigenen Kindern verbringen zu wollen, andererseits aber deren Bedürfnis nach gleichaltriger Gesellschaft zu erkennen (und zu würdigen) und sich bewusst zu sein, dass man durch das Verschweigen seiner Neigung einerseits die Eltern der anderen Kindern anlügt (im Sinne von eine Information vorenthalten, die wichtig für sie wäre), andererseits aber kaum eine andere Wahl hat, wenn man den eigenen Kindern nah sein will. Ein Dilemma, um dass ich keinen beneide.

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