Rezension: Mommy. Wie weit müssen wir für unsere Kinder gehen?

Wie weit müssen wir für unsere Kinder gehen? Wie viel für sie aufgeben? Gibt es einen Punkt, wo wie Eltern aufgeben, erkennen müssen: ich kann es nicht. Mein Kind ist eine Gefahr für sich, für mich, für andere. Eine Frage ohne Antwort. "Mommy", der kanadische Oscar-Favorit für 2014 (Filmstart hier im November) stellt sie uns. Auf filmerisch fantastische Art. Wer keine Angst hat vor schwierigen Fragen und drei atemberaubend gute Schauspieler sehen will, für den ist dieser Film eine dringende Empfehlung.
Diane ("Die") ist eine toughe Frau, attraktiv, alleinstehend. Ihr Sohn Steve wird aus einer Betreuungseinrichtung geworfen. Dort wird man seiner aggressiven Ausbrüche und seines aufsässigen Verhaltens nicht mehr Herr. Diane nimmt den charmanten, quirligen Teenager mit nach Hause. Obwohl sich beide bemühen, scheitern sie an Steves Temperament. Als er seine Mutter angreift und sich dabei verletzt, hilft Kyla mit einem Verbandskasten aus. Sie selber leidet nach dem Tod eines Kindes an einer Sprachstörung und der unbeholfenen Reaktion ihres Mannes, der sich mehr um die gemeinsame Tochter kümmert als um seine traumatisierte Frau. Die drei Außenseiter versuchen gemeinsam, ihre Probleme zu lösen. Letzten Endes scheitern sie aber an den Umständen. Diane steht vor der Entscheidung, Steve ein für alle Mal in eine geschlossene Anstalt zu geben.

 Kein Spaß, wenn man die Handlung so liest. Aber "Mommy" ist wie seine Protagonisten - sanguin, optimistisch, ab und zu unanständig und unverantwortlich. Und das macht ihn zu einem Ausnahmefilm, der in Cannes dieses Jahr mit gutem Grund den Jurypreis gewonnen hat. Die hierzulande unbekannten Schauspieler Anne Dorval, Antoine-Olivier Pilon und Suzanne Clément holen aus dem hervorragenden Drehbuch das Maximum an Authentizität und Leben heraus. Dem jungen Steve glaubt man seine Ausbrüche ebenso wie sein Charisma, seine Mutter ist vermutlich die beste weibliche Hauptrolle seit langem. Wäre die Handlung nicht so schwierig, das Thema so unbequem und der Film US-Amerikanisch, er würde mehr als nur den einen Oscar für den besten ausländischen Film abräumen (für den ich ihn als Favorit sehe).

Für mich als Eltern war "Mommy" um so eindrucksvoller, als ich die Fragestellung gut nachvollziehen kann. Wäre es Die vorzuhalten, wenn sie Steve aufgibt, oder ist sie verpflichtet, ihr eigenes Leben im übertragenen wie im wörtlichen Sinn für ihn zu riskieren - ohne große Hoffnungen, dass sie ihn vor einem Leben im Knast bewahren kann? Ich mag Filme, die mich zum nachdenken bringen. Ich freue mich auch über Meinungen zu diesem Thema.

P.S. Für Frankophile und Sprachfreunde hat der Film noch einen zusätzlichen Bonus in dem Quebecer Französisch, dass durchgehend gesprochen wird.

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