Weg von der Windel? Aber Papa, ich bin doch noch sooooo klein!

Mit rund zweieinhalb Jahren steht mein Sohn vor seiner ersten großen Aufgabe: der Stubenreinheit. Wir haben uns die Feiertage dafür ausgesucht, aus offensichtlichen Gründen, und hatten zuerst gue Erfolge. Aber nach dem dritten oder vierten Missgeschick hat sich unser Brainbug auf einmal gesperrt. "Hab Angst vor der Unterhose" behauptet er. Und zum ersten Mal überhaupt will er kein Großer Junge mehr sein, sondern ein Kleiner. Oder sogar ein Baby. Das hat mich nachdenklich gemacht: seit wann hat er ein Selbstverständnis als Person, und in wie weit dürfen oder müssen wir ihn dabei steuern? Sollen wir ihm einreden, dass es viel cooler ist ein Großer zu sein? Für uns wäre es sicher bequemer.

Das Peter-Pan-Getue hat sich nämlich auch in anderen Bereichen niedergeschlagen; man könnte sagen es ist ein aktueller Trend in der geistigen Entwicklung. Nicht mehr selbst essen sondern füttern lassen, nicht mehr selber laufen sondern tragen lassen...
Ich habe das Gefühl mein kleiner Scheißer hat entdeckt wie viel bequemer das Leben als Säugling war. Weil aber Kinder perfekte Egoisten sind (und ich meine das völlig wertneutral - mir scheint, dass die moralische Entwicklung des Menschen ein langer Prozess ist, der vielleicht nicht vor dem 30. Lebensjahr komplett sein kann - aber noch lange nicht sein muss) versucht Brainbug alle Tricks, um vorn und hinten bedient zu werden.
Er hat sogar gelernt, dass wir ihm Wünsche eher erfüllen, wenn er süß lächelt und "Bittebitte" sagt, die kleine Ratte.

Eine interessante Abhandlung zum Thema geistige Entwicklung bei Embryos, Föten und Kindern hat Scientific American übrigens jüngst mal gebacht. (siehe http://www.scientificamerican.com/article.cfm?id=when-does-consciousness-arise). Neben vielen verblüffenden Fakten über die pränatale Entwicklung finden sich auch zwei Anmerkungen zu Vorschulkindern:

"It is well recognized that infants have no awareness of their own state, emotions and motivations. Even older children who can speak have very limited insight into their own actions."
("Es ist bekannt, dass Kleinkinder kein Bewusstsein ihres eigenen Zustands, Gefühle oder Motivationen haben. Sogar ältere Kinder, die bereits sprechen können, haben nur begrenzt Einsicht in ihr eigenes Handeln") und
"[...] dreaming is a gradual cognitive development that is tightly linked to the capacity to imagine things visually and to visuospatial skills. Thus, preschoolers’ dreams are often static and plain, with no characters that move or act, hardly any feelings and no memories."
("Das Träumen ist eine langsame geistige Entwicklung die eng an die Fähigkeit zur visuellen Vorstellung und der visuell-optischen Leistungsfähigkeit geknüpft ist. Deswegen sind die Träume von Vorschulkindern oft statisch und eindimensonal, mit Personen die sich nicht bewegen oder handeln, fast ohne alle Gefühle und gänzlich ohne Erinnerungen.")


Das klingt ziemlich hart, wenn ich mir die Gespräche, die Interaktion und die Kreativität von Brainbug vor Augen führe. Jemand der Zwiegespräche zwischen einem Traktor und einem Lamm improvisiert, kann doch nicht postkartenähnliche Träume haben? Und wer so geschickt ist wenn es um die Manipulation der eigenen Eltern geht, muss doch auch das eigene Handeln besser durchblicken!
Vielleicht nicht. Hunde zum Beispiel sind sicher nicht mit einem menschlichen Bewusstsein gesegnet, aber jeder Hundebesitzer kann ein Lied davon singen, wie perfekt die vierbeinigen Mitbewohner es lernen, ihr Herrchen zu steuern. Wahrscheinlich tendieren wir Mensche einfach dazu, eine Menge von Verhaltensmerkmalen als vollständig menschlich einzustufen, die es nicht sind. Zu anthromorphisieren, quasi. Ein Beweis dafür? Aber gerne:


Wenn man noch die notorische elterliche Überschätzung der Leistungsfähigkeit ihrer Kinder addiert, kommt man schnell an den Punkt, wo meine Frau und ich unseren Schatz eigentlich schon für die Uni einschreiben wollen (mal ehrlich: ich hab die meiste Zeit geschlafen. Das kann Brainbug auch). Oder eben zum Abschied von der Windel überreden.

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