Testosteron macht die Presse dumm

Testosteron ist als Thema für Journalisten so wie Süßigkeiten für Kinder. Sie können nicht davon lassen. Es ist aber auch zu verlockend: Sex, Muskeln, Machotum, Geschlechterkrieg, alles ist mit drin (wir reden jetzt von den Journos, offensichtlich). Da kann es schon mal passieren, dass man eine trockene Wissenschaftsmeldung mit Relevanz aufpeppt.

Ich bin da nicht unschuldig. Mit meinen Posts "Väter, Hormone, Rote Autos und die Mehrweiberei", "Testosteron Teil 2: Geld, Risiko und Schmerzen", "Tipp für naive Frauen: Männer lecken hilft" oder "Machen Mamas Hormone sie rassistisch?" hab ich viel Spaß gehabt, indem ich gnadenlos übertrieben und frei assoziiert hab. Ich darf das, ich bin Blogger (und mache aus meinem hohen Albernheitsfaktor auf keine Hehl).

Es ist was anderes, wenn die traditionelle Presse das macht. "Vom Macho zum Softie. [...] Das Hormon spielt eine Rolle dabei, wie Männer sich bei der Partnersuche und als Väter verhalten." vermutet der Fokus, und lässt sich zur Aussage hinreissen "Männer mit viel Testosteron neigten zudem eher zu potenziell gesundheitsschädlichem Verhalten wie Drogenmissbrauch, Alkoholismus oder sexueller Promiskuität." Die Ärztezeitung diagnostiziert gar: "Liebe Väter haben Testosteron-Mangel", wissenschaft.de erfindet "Hormongesteuerte Papas.Väter im Weichspülgang: Um fürsorgliches Verhalten anzukurbeln, reduziert der männliche Körper durch den Umgang mit einem Baby die Produktion des männlichen Geschlechtshormons Testosteron." Die Boulevardzeitung Blick weiß den Grund dafür: "Damit Papi bei Mami bleibt". Sogar die "Zeit" lässt sich zu unbewiesenen Vermutungen hinreißen: "Wenn Männer wenig Testosteron im Blut haben, macht sie das sanfter und sozialer. [...] [Der Testosteronspiegel ist hoch], wenn es um Fortpflanzung geht, und wird unterdrückt, um das Gedeihen des Nachwuchses und damit dessen Überlebenschancen durch männliche Obhut zu erhöhen." 

Wie kommen die Journalisten zu diesen Aussagen? Die Quelle ist ein Paper mit dem Titel "Longitudinal evidence that fatherhood decreases testosterone in human males" (Zeitreihenuntersuchung zeigt, dass Vaterschaft beim Menschen zum Rückgang des Testosterons führt). Und genau das zeigt die Studie auch, nicht mehr und nicht weniger (naja, fast: es zeigte sich, dass Väter von Babys noch weniger Testosteron im Blut hatten als solche älterer Kinder, und dass Väter, die angaben mehr Zeit mit ihrem Kind zu verbringen, ebenfalls noch niedrigere T-Spiegel hatten). Das Handelsblatt gibt die Aussage der Studie korrekt wieder: "Vaterschaft senkt Testosteronspiegel".

Also: kein Beweis für die Weisheit der Evolution, den Mann zu entmannen, wenn es Frauenarbeit zu bewältigen gibt. Die einzige Aussage zu Folgen des Verhaltens, zu denen sich die Forscher hinreißen lassen, ist diese: "Our findings suggest that T mediates tradeoffs between mating and parenting in humans" (Unsere Ergebnisse legen nahe, dass T die Austauschbeziehung von Partnersuche/Paarung und Kinderpflege vremittelt). Insbesondere zeigt die Studie nicht, dass
  • Vaterschaft den Kümmerinstinkt weckt
  • ... oder zu mehr Fürsorge für die Kinder führt
  • der Rückgang von Testosteron Männer beruhigt und zu besseren Vätern macht
  • Männer dazu gemacht sind, Kinder groß zu ziehen
  • Vaterschaft die Untreue reduziert
  • ...oder die Libido

All das wird in Slate.com ganz anschaulich, wenn auch englischsprachig, erklärt. Der Autor, William Saletan, hat übrigens eine provokante Theorie für den Presseerfolg der Studie: sie dient dazu, den gesellschaftlichen Wandel zu einer neuen Rolle des Mannes zu unterstützen.

Testosteron beeinflusst also die Gesellschaft. Wieder eine neue Anwendung für das Wunderhormon.

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