Schluss mit Mozart!

Ich hoffe Sie haben sich oder ihrer Frau keine Ohrhörer auf die schwangere Bauchwölbung gesetzt, um ihrem Ungeborenen Mozart zu verpassen. Wenn doch, dann werden Sie an den nächsten Zeilen nicht viel Spaß haben.
Mozart ist nicht schlecht. Nette Musik, wichtiges Kulturgut. Aber warum einen Fötus damit beschallen. Jahrlang hat sich der Mythos gehalten, dass es der kognitiven Entwicklung hilft. Das scheint mittlerweile eindeutig widerlegt zu sein.

Andererseits zeigt sich, dass Musik für die Sprachentwicklung förderlich ist. Sogar sehr. Und dass ist wichtiger, als man glaubt. Es wird immer deutlicher, dass Bildung und beruflicher Erfolg stark von der Sprachfähigkeit abhängen - mit gravierenden Folgen, und einem bedauerlichen Feedback-Faktor. Kinder in Arbeiter- und noch mehr in sozialschwachen Familien bekommen weniger Ansprache; sie hören pro Tag, pro Woche, pro Jahr ihres Lebens weniger Worte. Eine Untersuchung amerikanischer Wissenschaftler kommt zum Schluss, dass Kinder in Familien mit hohem Bildungsgrad bis zum 4. Geburtstag 30 Millionen Wörter (oder dreimal so viel) auf die Ohren gekriegt haben als solche in Familien, die von staatlicher Unterstützung leben. Mehr Tadel und weniger Lob noch dazu (was logisch scheint. Auf Lob kann man nötigenfalls auch verzichten, aber es ist unverzichtbar das Kind davon abzuhalten, auf eine befahrene Straße zu laufen - oder es manchmal zur Ruhe zu ermahen).

Soll man also Mozart in die Tonne treten und statt dessen dazu übergehen, Sohnemann oder Tochterfrau sozusagen die Sehbehindertenversion des eigenen Lebens zu liefern? ("Jetzt gehen wir zum Bäcker, schau mal da drüben ist ein Brunnen; ich frag mich gerade ob ich die Waschmaschine angeworfen habe; der Mann da hinten hat ein Fahrrad...")
Klingt anstrengend. Leider sind viele gute Sachen anstrengend.
Soziale Brisanz bekommt das natürlich durch die Frage, ob Frauen mehr reden als Männer oder nicht. Wie wirkt sich das auf die Eignung der Geschlechter als Hüter ihrer Kinder aus? Ist das Elternzeitmodell, dass die Väter zumindest zeitweise an den Herd holen soll, ein Schlag ins Kontor für die Bildungsoffensive?
Ehrlich gesagt glaube ich, dass Frauen tatsächlich mehr reden. Studien hin oder her, und des Misstrauens gegen Geschlterklischees ungeachtet. Ich hoffe trotzdem (und bin davon überzeugt), dass ich meinem Sohn Sachen beibringe, die er sonst nicht lernen würde. Das Leben, und der berufliche Erfolg, besteht ja nicht nur aus Reden und Wortschatz.

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